Ludwig Pfaus Tod. Zum Pfau-Video vom 25. Dezember 2021 (Ludwig Pfau 12/2021)

Pfau-Videoclip12/2021: Ludwig Pfaus Tod

Nun sind wir am Ende angekommen – von unserer Filmclip-Reihe und auch am Ende von Ludwig Pfaus Leben, seinem irdischen jedenfalls. Dass der Kirchen- und Religionskritiker Pfau im Himmel landet, mag den einen oder die andere überraschen. Aber wir gehen davon aus, dass im „Himmel“ auch kritische Geister ihren Platz haben.

Ludwig Pfau starb am 12. April 1894 in Stuttgart – im Alter von 72 Jahren. Der Überlieferung zufolge erlitt er einen Schlaganfall, als er arbeitend an seinem Schreibtisch saß. Seit 1892 lebte er zusammen mit seiner 20 Jahre jüngeren Schwester Marie in eine Wohnung in der Wilhelmstraße 10 in (Stuttgart-)Cannstatt.

Altersfoto von Ludwig Pfau (Fotograf unbekannt, Stadtarchiv Heilbronn)

Über die Trauerfeierlichkeiten anlässlich seines Todes wurde in der Stuttgarter und in der Heilbronner Presse recht ausführlich berichtet. Und da Pfau offensichtlich verfügt hatte, dass er nach seinem Tod kremiert werden wollte, sorgte das für zusätzliche Aufmerksamkeit. Denn noch war diese Art der Bestattung sehr umstritten. Im Königreich Württemberg war die Kremierung zwar nicht explizit „verboten“. Da sie jedoch nicht gesetzlich geregelt war, galt sie als nicht erlaubt und an den Bau eines Krematoriums war nicht zu denken. In Baden war das anders und so gab es seit 1891 in Heidelberg ein Krematorium – als zweites in Deutschland und finanziert durch die freiwilligen Beiträge des Heidelberger Vereins für Feuerbestattung. Dieses Krematorium wurde auch von Württembergern genutzt. Und die detaillierte Berichterstattung über Ludwig Pfaus Trauerfeiern diente vermutlich auch dazu, der Leserschaft zu zeigen, wie würdevoll und festlich eine Feuerbestattung gestaltet werden konnte.

Drei Tage nach Ludwig Pfaus Tod, am Sonntagnachmittag um 15 Uhr, fand auf dem Stuttgarter Pragfriedhof ihm zu Ehren die erste Trauerfeier statt. Lorbeerbäume, Dracaenen und Palmen sowie eine schwarz-rot-goldene Fahne schmückten seinen Sarg. Sein Parteifreund, der Landtags- und Reichstagsabgeordnete Conrad Haußmann hielt die Haupt-Trauerrede. Im Namen der Schriftsteller Stuttgarts legte der Redakteur der Gartenlaube Johannes Proelß einen Kranz nieder. Als Vertreter der Heilbronner Stadtgemeinde nahm Gemeinderat Carl Berberich teil, der ebenfalls einen Kranz mitgebracht hatte und eine kurze Rede hielt. Auch die Heilbronner Freunde Georg Härle und Wilhelm Ostertag waren anwesend.

Anschließend wurde der Sarg „unter der Begleitung einiger Freunde“ mit dem Abendzug nach Heidelberg transportiert, wo am nächsten Tag vormittags um 11 Uhr die Kremierung stattfinden sollte. Weitere Freunde und Verwandte, darunter auch die Schwester Marie, fuhren am Montagfrüh ebenfalls nach Heidelberg, um während der Kremierung anwesend zu sein. Der Heilbronner Kaufmann Wilhelm Ostertag nahm dann die Urne in Empfang, fuhr mit ihr nach Heilbronn und deponierte sie in seiner Wohnung in der Hohen Straße 8 in einem passend geschmückten Zimmer. Dass Herrn Ostertag die kleine, sargähnliche Majolika-Urne heruntergefallen sei und sie kaputtging, ist allerdings nicht überliefert, sondern dient allein der Dramaturgie.

Die von Stadtbaumeister Philipp Sulzberg entworfene neoklassizistische Leichen- oder Aussegnungshalle aus dem Jahr 1882 steht heute unter Denkmalschutz (Foto: Barbara Kimmerle, Stadtarchiv Heilbronn)

Wie sollte es nun mit der Urne weitergehen? Im Heilbronner Gemeinderat verständigte man sich „nach längerer Erörterung“ darauf, dass die Beisetzung von Ludwig Pfaus Asche am Sonntag, 29. April stattfinden sollte. Seine Urne sollte am frühen Vormittag bei Herrn Ostertag abgeholt und dann im feierlichen Geleit zum Hauptfriedhof gebracht werden. Wegen des Glockengeläuts war man sich im Gemeinderat einig, dass man erst gar nicht beim evangelischen Pfarramt anfragen wollte. Denn man ging zu Recht davon aus, dass auch die Heilbronner Geistlichkeit – so wie in Stuttgart – ein Glockengeläut ablehnen würde. Nicht (nur), weil Pfau Kirchenkritiker gewesen war, sondern vor allem, weil das evangelische Konsistorium in Stuttgart die Feuerbestattung damals noch entschieden ablehnte.

Als Ersatz ging stattdessen eine Musikkapelle dem Trauerzug voraus – auch wenn grundsätzlich zu bedenken gegeben worden war, ob das nicht zu viel des Pomps sei, der Ludwig Pfau so gar nicht entspräche. Zudem sollten der Singkranz und der Liederkranz die Trauerfeier auf dem Friedhof musikalisch begleiten. Schließlich wollten die Heilbronner nicht hinter den Stuttgartern zurückstehen, wenn es um den Abschied für ihren Ehrenbürger ging. Alle Heilbronnerinnen und Heilbronner wurden vom Gemeinderat per Zeitungsmeldungen eingeladen, am Trauerzug und an der Trauerfeier teilzunehmen. Dabei wurde verschiedentlich betont – zum Beispiel in der Heilbronner Zeitung –, dass auch jene, „die dem Verstorbenen im politischen Leben gegenüberstanden“ zur Trauerfeier kommen könnten und sollten. Und es wurde zugesichert, dass die Trauerrede so gestaltet sein würde, „daß sie bei solchen Leuten, die nicht der politischen Partei Pfaus angehören, keinen Anstoß erregen“ würde.

Entwurfszeichnung von Peter Bruckmann für die Schmuckurne, die die Asche-Urne von Ludwig Pfau umhüllen sollte. Die Kunstanstalt Stotz in Stuttgart übernahm die Ausführung. (Stadtarchiv Heilbronn, D003-158)

Auch die Heilbronner Feier ging tatsächlich sehr würdevoll von statten. Offensichtlich waren viele Menschen gekommen, um Abschied von Ludwig Pfau zu nehmen. Schon morgens versammelten sie sich vor dem Haus von Kaufmann Ostertag in der Hohen Straße und folgten dann dem mit Kränzen und Blumen geschmückten Leichenwagen, auf dem die kleine Urne aufgebahrt worden war. Die Urne selbst trug einen Lorbeerkranz sowie eine schwarz-rot-goldene Schleife. Nach einigen Reden, unter anderem von Jugend- und Parteifreund Georg Härle und dem sozialdemokratischen Gemeinderat Gustav Kittler, wurde die Urne in einen Seitenraum der Leichenhalle gebracht, wo sie auf einem Postament „nebst Draperie“ darauf wartete, ihren dauerhaften Platz zu finden. Dass der Singkranz nicht zur Trauerfeier erschienen war, wurde in den Presseberichten nur beiläufig erwähnt. Eventuell war das sogar erwartet worden, galt der Singkranz als der wohl konservativste unter den Heilbronner Gesangvereinen, dessen Mitglieder vielleicht weder mit Ludwig Pfau noch mit einer Feuerbestattung in Verbindung gebracht werden wollten.

Danach geriet die Angelegenheit ins Stocken. Was zu dem Spottgedicht von Carl Betz führte, welches auch in einer Heilbronner Zeitung abgedruckt wurde. Eigentlich hatte der Gemeinderat im Mai 1895 beschlossen, dass Ludwig Pfaus Urne in einer (noch zu schaffenden) Nische an der südlichen Giebelwand der Leichenhalle untergebracht werden sollte und hatte aus dem Etat „außerordentlicher Aufwand 1895/96“ 450 Mark dafür bereitgestellt. Aber erst knapp anderthalb Jahre später wurde das Provisorium schließlich beendet und die Urne am 16. November 1896 in der neuen Nische an der Südwand der Leichenhalle beigesetzt. Die ansprechende Außenhülle hatte der damals 30-jährige Peter Bruckmann entworfen und gestiftet. Auf eine Feier anlässlich der endgültigen Platzierung der Urne wurde „aufgrund der vorgerückten Jahreszeit verzichtet“ beziehungsweise auf Pfaus Todestag am 12. April des nächsten Jahres verschoben (wobei wir nicht feststellen können, ob sie tatsächlich stattfand).

Die Urnenstätte des Ende 1973 aufgelösten Vereins für Feuerbestattung besteht noch heute (Foto: Barbara Kimmerle, Stadtarchiv Heilbronn)

Immerhin: bereits am 13. Dezember 1894 war im Gemeinderat beschlossen worden, einer neu bebauten Straße, die die Steinstraße auf der Höhe des Zellengefängnisses mit der Süd- und der Werderstraße verbindet, den Namen Pfau-Straße zu geben. 1921 wurde sie in Ludwig-Pfau-Straße umbenannt.

Die Feuerbestattung von Ludwig Pfau führte wohl dazu, dass sich wenige Wochen später, am 12. Juni 1894, auch in Heilbronn ein Verein für Feuerbestattung gründete. Der Verein organisierte nun für seine Mitglieder die Kremierung im Heidelberger Krematorium. Zudem überließ die Friedhofskommission dem Verein ein kleines Feld westlich von der Leichenhalle. Hier richtete er eine Gruft ein, in der die Urnen seiner Mitglieder ihre letzte Ruhe fanden. Der Verein, der ein eigenes Mitteilungsblatt herausgab, warb offensiv für die alternative Bestattungsform und betonte immer wieder, dass die Befürworter der Feuerbestattung auf der Seite des Kulturfortschritts, der Hygiene, der Platzersparnis stünden und dass sie keinesfalls areligiös seien. Wer sich gegen die Kremierung ausspreche, sei rückständig und intolerant.

Die restaurierte Schmuckurne im Jahr 2020 (Foto: Barbara Kimmerle, Stadtarchiv Heilbronn)

Ein wichtiges Ziel des Feuerbestattungs-Vereins war, dass auch Heilbronn ein Krematorium bekommen sollte. Energischer Fürsprecher war zum Beispiel das Gründungsmitglied Carl Betz, der auch in der württembergischen Abgeordnetenkammer für die Zulassung der Feuerbestattung warb. Aber erst am 28. November 1904 wurde die Feuerbestattung durch einen Erlass des württembergischen Königs freigegeben und in Heilbronn, Ulm und Stuttgart – in dieser Reihenfolge – wurden die bereits vorliegenden Bauanträge für ein Krematorium genehmigt. Mehr zu dem Thema finden Sie hier. Die Asche von Ludwig Pfau wurde übrigens noch einmal umgebettet. Nachdem seine Schwester Marie im Jahr 1924 gestorben war, wurde vier Jahre später ihre Asche zusammen mit der ihres Bruders im Urnenfeld des Feuerbestattungsvereins bestattet. Die Schmuckurne an der Aussegnungshalle dient nun allein dem Gedenken an eine noch heute beeindruckende, große Heilbronner Persönlichkeit.

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