Ein Denkmal für den Kaiser! Zum Pfau-Video vom 25. September 2021 (Ludwig Pfau 09/2021)

Pfau-Videoclip 09/2021: Ein Denkmal für den Kaiser!

Ludwig Pfau hasste Preußen und die Monarchie – und doch wirkte er entscheidend am Heilbronner Denkmal für Kaiser Wilhelm I. mit. Wie passt das zusammen? Im September-Video muss Pfau sich für diese Frage vor einem Reporter rechtfertigen. So ganz kann er ihn wohl nicht überzeugen… Und tatsächlich lässt sich der Widerspruch zwischen Pfaus Engagement für das Kaiserdenkmal und seinen eigenen, hohen moralischen Ansprüchen an die Einheit von Wort und Tat des politisch engagierten Menschen nicht vollständig auflösen: Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls der Kulturwissenschaftler Friedemann Schmoll in seiner Dissertation zum württembergischen Denkmalkult des 19. Jahrhunderts. Er widmet darin dem Heilbronner Kaiser-Wilhelm-Denkmal immerhin 12 Seiten, denn unter den Kaiserdenkmälern nimmt es eine Sonderstellung ein – und diese hat es Ludwig Pfau zu verdanken. Werfen wir also mit Hilfe von Schmolls Untersuchung einen Blick auf die Entstehung und Aussage des Denkmals und versuchen wir, Pfaus Rolle dabei zu verstehen.

Die ersten Planungen für ein Heilbronner Kaiserdenkmal
Skizze von Otto Rieth für ein Denkmal für Kaiser Wilhelm I., 1. Mai 1888 (vermutlich nicht sein Entwurf für Heilbronn). UB Heidelberg: Architektonische Rundschau 28 (1912), Tafel 50.

Bereits wenige Wochen nach dem Tode Kaiser Wilhelms I. am 9. März 1888 fiel in Heilbronn der Entschluss, ihm ein Denkmal zu errichten. Aus der Bürgerschaft formierte sich ein Denkmal-Komitee. Dieses warb zügig eine derart hohe Spendensumme ein, dass der demokratische „Beobachter“ die Aktion als „Denkmal-Terrorismus“ publizistisch anprangerte. Nachdem bereits bis Ende 1888 erste Entwürfe vorlagen, wurden am 15. April 1889 auf einer Sitzung des Denkmal-Komitees drei Modelle präsentiert. Dabei fand eine Konzeption des Architekten und Bildhauers Otto Rieth (1858-1911) den meisten Zuspruch – jener Otto Rieth, der zwei Jahrzehnte später das Heilbronner Bismarck-Denkmal realisieren sollte (dazu siehe den vorigen Blog-Beitrag von Annette Geisler. Rieth hatte vorgesehen, eine riesige Büste Wilhelms I. auf einer Säule zu platzieren. Um die Säule herum sollten Knaben Reliefbilder Bismarcks, Moltkes und Kaiser Friedrichs III. halten. Gestalterisch folgte Rieth barocken Vorbildern. Seine Vorliebe für monumentale Glorifizierung offenbart eine zur gleichen Zeit entstandene Skizze für ein anderes Kaiser-Wilhelm-Denkmal.

Pfaus Engagement für das Robert-Mayer-Denkmal
Das Robert-Mayer-Denkmal in Heilbronn. Abbildung in der Zeitschrift „Gartenlaube“, 1892. Der Entwurf von Pfau und Rümann wurde realisiert von Eisenlohr und Weigle und am 25.11.1892 auf dem Heilbronner Marktplatz eingeweiht. StadtA HN E005-1498.

Ludwig Pfau konnte die Entwicklung dieses Heilbronner Projekts ganz unmittelbar mitverfolgen. Denn genau zu dieser Zeit war er intensiv mit den Planungen für das Robert-Mayer-Denkmal beschäftigt. Hier hatte er offenbar gegen Ende des Jahres 1888 begonnen, sich aktiv einzumischen, weil ihm der in Heilbronn favorisierte Entwurf stark missfiel, wie er seiner Frankfurter Freundin Anna Spier in einem Brief vom 2. Februar 1889 mitteilte. Er erarbeitete ein Gegenkonzept, das der Münchner Bildhauer Wilhelm Rümann (1850-1906) plastisch realisierte. Ende Mai 1889 wurde Rümanns Modell in Heilbronn öffentlich aufgestellt. Ab diesem Zeitpunkt weilte Pfau circa einen knappen Monat lang in seiner Heimatstadt, um „Leute von Einfluß“ von seinem Gemeinschaftswerk mit Rümann zu überzeugen. Am 21. Juni 1889 konnte er dann berichten, dass das Robert-Mayer-Denkmal-Komitee sich einstimmig dafür entschieden habe; der andere Entwurf wurde fallen gelassen. Nachlesen lässt sich das in Pfaus Korrespondenz aus dieser Zeit, die Günther Emig in Auszügen, transkribiert von Dr. Reinald Ullmann, online zugänglich gemacht hat.

Für seine Überzeugungsarbeit konnte Pfau auf gute persönliche Kontakte zurückgreifen: Mitglied im Komitee für das Robert-Mayer-Denkmal war der Gefängnisdirektor Karl von Köstlin (1827-1909), mit dem er seit seiner dreimonatigen Haftzeit im Heilbronner Zellengefängnis (1878) freundschaftlich verbunden war. Köstlin verfügte über beste Beziehungen in den Kreis der örtlichen Honoratioren. Zu „Leuten von Einfluß“ zählte auch der Heilbronner Reichstags- und Landtagsabgeordnete Georg Härle (1821-1894), zweiter Ehemann von Pauline Bruckmann, Pfaus Altersgenosse und politischer Weggefährte (und übrigens ebenfalls 1891 zum Ehrenbürger erhoben). Als deutschlandweit anerkannter und geschätzter Kunstkritiker dürfte Pfaus Urteil jedoch auch ohne solche „Beziehungen“ schon ordentliches Gewicht gehabt haben: Erst im Jahr zuvor war beispielsweise die Gesamtauflage seiner Schriften unter dem Titel „Kunst und Kritik“ erschienen und von den Rezensenten sehr positiv beurteilt worden – sie bescheinigten Pfau eine hohe Sachkenntnis gepaart mit „fesselnden Gedankengängen“ und hohem Lesevergnügen. (Rezensionsbeispiel aus Die Kunst für alle).

Wie der Demokrat Pfau dazu kam, ein Kaiserdenkmal zu entwerfen

Bei seinem Heilbronn-Aufenthalt im Frühjahr 1889 ließ Pfau die Öffentlichkeit auch wissen, was er von den vorliegenden Entwürfen für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal hielt: nämlich nichts. Im schon genannten Brief vom 21. Juni 1889 schrieb er dazu: „Was das Kaiserkomitee betrifft, so konnte ichs doch nicht übers Herz bringen, den Schund von Rieth aussuchen zu lassen. Das wird mein Artikel wohl verhindern. Im übrigen schaff ich ihnen nur einen andern Entwurf, wenn sie sich direkt an mich wenden und mir ganz freie Hand lassen.“ (Zitiert nach Emig/Ullmann.) Der erwähnte Artikel erschien wenige Tage später, am 27./28. Juni 1889, unter dem Titel „Zum Kaiserdenkmal in Heilbronn“ im demokratischen „Beobachter“, darin verriss Pfau den Entwurf von Rieth nach allen Regeln der Kunst. (Zu seinen Kritikpunkten siehe unten). Der letzte Satz des Briefzitats verrät, dass Pfau für sich im Stillen gar schon überlegt hat, ob und unter welchen Bedingungen er selbst, so wie für das Robert-Mayer-Denkmal, einen Entwurf erstellen würde. In einem Brief an Anna Spier nur zwei Tage später wiederholt er diesen Gedanken und lässt zugleich eine Rechtfertigung durchblicken (zitiert nach Emig/Ullmann):
Was nun das Kaiserdenkmal betrifft, so liegt mir das selbstverständlich weniger am Herzen; aber ich kann doch nicht mit ansehen, daß man etwas Schlechtes macht, auch habe ich immer noch so viel Anhänglichkeit an die Vaterstadt – obwohl sie ein trauriges Nest von ((Bonzen)) und Parvenüs geworden ist –, daß ich ihr ein hübsches Denkmal gönne. War sie doch einmal auch eine freie Reichsstadt und wird sich wohl auch aus dem Sumpfe des heutigen Strebertums wieder herausarbeiten. […] Den Wirth’schen [korrekt: Rieth’schen] Entwurf glaub ich ihnen doch verhauen zu haben, und im übrigen sollen sie’s jetzt finden und beraten. Wenn sie sich an mich wenden, werd ich ihnen für einen hübschen Entwurf sorgen, trotz meiner Abneigung gegen alles, was nach Fürsten und Kronen riecht; andernfalls sollen sie in Gottesnamen mit neuem Schund weiter das Land verunzieren.

Der Tenor dieses und des folgenden Briefes verrät, dass er trotz seiner „Abneigung“ insgeheim wohl durchaus hoffte, dass sich die Heilbronner tatsächlich an ihn wenden würden: „In Heilbronn ist jetzt alles auf besten Wegen; unser Entwurf [für das Robert-Mayer-Denkmal] wird ausgeführt und der ‚kaiserliche‘ dürfte uns auch noch in die Küche wachsen.“ (30. Juni 1889). Im Oktober, als er erneut für das Robert-Mayer-Denkmal nach Heilbronn fahren musste, ergab sich für Pfau eine weitere Gelegenheit, seinen Einfluss persönlich geltend zu machen. Nach seiner Rückkehr nach Stuttgart konnte er an Anna Spier vermelden (26. Oktober 1889):
Ich habe vorher noch einiges zu ordnen, erstens in Beziehung auf das Heilbronner Kaiserdenkmal, dessen Entwurf mir zur Besorgung auch anheimgefallen ist. Ich habe den Auftrag nicht zurückgewiesen, obwohl mich mein demokratisches Gewissen etwas zwickte; aber ich dachte, gemacht wirds doch, und da wollte ich lieber etwas Hübsches entstehen sehen, als einen Schund – der Ästhetiker ging mit dem Politiker durch. Anderentheils hätte ich dabei den Vortheil, die Darstellung der kaiserlichen Persönlichkeit auf ein Medaillon reduziren, und den Nachdruck auf die Schaffung der deutschen Einheit legen zu können. Paris ist wohl eine Messe werth, sagte Heinrich IV.“ (Zitiert nach: Emig/Ullmann; der Besuch in Heilbronn wird im vorhergehenden Brief vom 4. Oktober 1889 angekündigt.)

Paris ist wohl eine Messe werth“: Das Kaiserdenkmal lag Pfau durchaus am Herzen

Als überzeugter Demokrat, der Preußen bekanntermaßen abgrundtief hasste und der einst über Wilhelm I., als dieser als preußischer Kronprinz das Berliner Blutbad vom 18. März 1848 verschuldet hatte, ein bitterböses Gedicht geschrieben hatte, hätte sich Ludwig Pfau natürlich niemals aktiv für ein Denkmal für diesen Kaiser einsetzen können. Doch anscheinend bemühte er sich diskret, aber mit Nachdruck darum, dass er entsprechend „gebeten“ wurde. Dabei hatte er sich als Kunstkritiker bisher mehr mit Architektur und Malerei auseinandergesetzt, und weniger mit der Bildhauerei, wie Reinald Ullmann festgestellt hat. Nach einigen verstreuten Artikeln aus den 1870er Jahren waren es erst wieder die beiden Heilbronner Denkmäler, die Pfau zu Publikationen zu diesem Thema anregten. Seine 1889 im „Beobachter“ erschienenen Artikel über den Rieth’schen Entwurf überarbeitete er parallel zu seiner Arbeit am Entwurf für das Kaiser-Wilhelm-Denkmal zu einer allgemeinen Abhandlung über „Die Ästhetik des Denkmals“, die am 3. Mai 1890 in der Berliner Zeitschrift „Die Nation“ erschien (hier online verfügbar).

Die zeitliche Parallele zwischen theoretischer Abhandlung und Denkmalentwurf legt nahe, dass Pfau nicht nur seine Gedanken als Kunsttheoretiker zum Thema Denkmal publizistisch festhalten wollte, sondern daneben einen anderen, ganz praktischen Zweck verfolgte: Denn noch waren andere Modelle im Rennen, darunter einer von Otto Rieth, den Pfau „scheusalig, noch schlechter als das erste“ fand (Brief an B. Schlesinger vom 9. März 1890). Erst am 7. Mai 1890 fiel in Heilbronn die endgültige Entscheidung zugunsten des von Pfau geplanten Entwurfs, den erneut der Münchner Bildhauer Wilhelm Rümann realisiert hatte. Dabei blieb der Gemeinderat zunächst misstrauisch: Den nach der Entscheidung in den laufenden Haushalt einzustellenden Finanzzuschuss in Höhe von 2.000,- Mark genehmigte er nur unter dem Vorbehalt, gegen den „endgültigen Entwurf“ noch Einspruch erheben zu können. Erst zwei Jahre später wurde dieser Zuschuss freigegeben und an das Denkmalkomitee ausbezahlt. Es ist gut möglich, dass sich die konservativeren Kräfte im Heilbronner Gemeinderat zunächst noch eine Hintertür offenhalten wollten, falls ihnen das Ergebnis nicht würdig genug erscheinen sollte. Anscheinend aber waren sie mit dem Fortgang der Arbeiten dann doch zufrieden.

Pfau hat, anders als Schmoll schreibt, den weiteren Verlauf der Angelegenheit durchaus begleitet. So war er nachweislich 1891 mindestens einmal vor Ort: „Ich muß nämlich heute nach Heilbronn wegen der beiden Denkmäler. Rümann von München und der Stuttgarter Architekt kommen gleichfalls; es handelt sich um endgiltige Berathungen und Beschlüsse über die Platzfrage etc., und da muß ich natürlich (als ‚Ehrenbürger‘) meiner Pflicht nachkommen.“, schrieb er am 30. September 1891 an Anna Spier. Allerdings ging es ihm in dieser Zeit gesundheitlich bereits schlechter – er musste sich einer Star-Operation unterziehen, litt unter Schwerhörigkeit und war häufiger krank. Vielleicht war das mit ein Grund dafür, dass er bei den beiden Feiern zur Denkmal-Enthüllung am 25. November 1892 für Robert Mayer und am 2. September 1893 für Wilhelm I. (dem Jahrestag des deutschen Siegs über die französische Armee bei Sedan) – nicht persönlich anwesend war. Denn anders als er es 1889 an Anna Spier geschrieben hatte, scheint ihm das Heilbronner Kaiserdenkmal durchaus am Herzen gelegen zu haben.

Pfaus Kritik am Entwurf von Otto Rieth und seine Vorstellung vom idealen Denkmal

Was waren nun die Gründe, weshalb der Kunstkritiker Pfau die Rieth’schen Entwürfe so „scheusalig“ fand? Seine Kritik entzündete sich zunächst an Rieths Stilauffassung. Er verdächtigte ihn, mit seinen Anlehnungen an den Barock die „selbstherrliche Monarchie“ glorifizieren zu wollen (so Friedemann Schmoll). Doch in seinen weiteren Ausführungen, besonders in „Die Ästhetik des Denkmals“, lässt Pfau politische Argumente weitgehend außen vor. Stattdessen untersucht er die ästhetischen Bedingungen der drei verschiedenen plastischen Darstellungsarten (Statue, Büste und Reliefporträt), erläutert ihre Funktionen für die Repräsentation und ordnet sie hierarchisch ein. Die Büste – das war ja der Ansatz, den Otto Rieth gewählt hatte – erscheint Pfau dabei als die ungeeignetste Lösung für ein Herrscherdenkmal: In ästhetisch ansprechenden Proportionen sei sie zu klein für den öffentlichen Raum, während sie in überdimensionierter, kolossaler Ausführung „einfach zum Götzenbild“ werde. Für größere Monumente hält Pfau hingegen die Statue für die „höchste“ und „sachgemäßeste Form der Darstellung“, während er das Reliefporträt eigentlich nur als „Zierde einer architektonischen Fläche“ sieht. Es sei „im Allgemeinen nur für sehr bescheidene Denkmalzwecke zu verwenden“. Eine „vorteilhafte Anwendung“ könne es allerdings als Bestandteil eines Monuments dann finden, wenn es „eine mehr sachlich allgemeine als persönlich beschränkte Idee zur Grundlage hat und deshalb […] auf die einseitige Hervorhebung seines Helden verzichtet.

Abbildung des Kaiser-Wilhelm-Denkmals in der Zeitschrift „Gartenlaube“, 1893. StadtA HN E002-486

Nachdem er eingangs betont hat, dass es nur sehr wenige wirklich gelungene Denkmäler gebe, konkretisiert Pfau seine Gedanken am Schluss des Aufsatzes am Beispiel der Kaiserdenkmäler, die damals vielerorts im Entstehen waren. Auch hier verzichtet er auf plakative politische Begründungen, sondern argumentiert ästhetisch und mit der Erinnerungsfunktion: Da es vom Kaiser im ganzen Land sehr viele Denkmäler gebe, sei für „die Ueberlieferung der äußeren Erscheinung an die Nachwelt aufs reichlichste gesorgt“ und es bestehe die Gefahr einer „mehr ermüdende[n] als erhebende[n] Wirkung.“ Viel besser sei es daher, ein Kaiserdenkmal herzustellen, das „den Nachdruck nicht auf die materielle Abbildung, sondern auf die kulturhistorische Bedeutung der kaiserlichen Persönlichkeit legt: auf die Aufrichtung des Deutschen Reiches und die Gründung der nationalen Einheit.“ Und dieser Nachdruck, so Pfau, ließe sich am besten erreichen durch eine „Beschränkung des Kaiserporträts auf ein [Relief-]Medaillon“ sowie „mit Hilfe des figürlichen Symbols […] durch formschöne Gestalten und anmuthige Gruppen.“ So gelingt es ihm, aus rein ästhetischen Erwägungen heraus die Figur des zu ehrenden Kaisers auf die Darstellungsform zu reduzieren, die er zuvor als die bescheidendste Form des Denkmals definiert hat: das Reliefporträt.

Der Pfau-Rümannsche Entwurf für das Heilbronner Kaiser-Wilhelm-Denkmal

Wer das Heilbronner Kaiser-Wilhelm-Denkmal kennt, hat im letzten Absatz vermutlich schon gemerkt, dass Pfau in seiner „Ästhetik des Denkmals“ im Grunde dessen Konzeption und Programmatik beschreibt: Der Kaiser ist tatsächlich „nur“ in einem Reliefmedaillon, ungefähr in der Mitte des Denkmals, bildlich vertreten. Wesentlich größer und auffälliger sind die beiden Frauenfiguren im unteren und im oberen Teil des Monuments: Während oben eine geflügelte Siegesgöttin die Kaiserkrone emporhält, sitzt unten eine ganz und gar nicht kriegerisch wirkende Germania, über deren Schoß sich zwei Kindergestalten die Hand reichen: Nord- und Süddeutschland. Auf dem Sockel stehen die Worte (sie sind heute kaum noch lesbar): „Nord und Süd steh’n Hand in Hand / Heil dir, einig Vaterland!“ Damit steht die nationale Einheit im Zentrum der Denkmalkonzeption, während die Person des Kaisers zur Randfigur gerät. Und darin hebt sich das Heilbronner Kaiserdenkmal sehr deutlich von den anderen Denkmälern für Wilhelm I. aus dieser Zeit ab: Es stellt eben weder den Kaiser als Person noch den militärischen Sieg über Frankreich in den Mittelpunkt, sondern die Reichseinigung als dessen zentrale politische Aufgabe und Leistung.

Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal an seinem ursprünglichen Standort auf der Allee. Ansichtskarte um 1900 (StadtA HN F003-M_0196-7049)

Friedemann Schmoll hat gezeigt, dass Pfau es mit seiner ungewöhnlichen Konzeption zwar geschafft hat, die Person Kaiser Wilhelms I. dem Gesamtprogramm des Denkmals unterzuordnen – nicht jedoch „die Idee des Kaisertums im allgemeinen“. Diese wird vielmehr durch die Siegesgöttin mit der Kaiserkrone auf der Denkmalspitze weiterhin verherrlicht. So ganz lässt sich also das Kaiser-Wilhelm-Denkmal nicht mit Pfaus sonstiger Biographie versöhnen.

Was Pfau wohl dazu gesagt hätte, dass sich das Denkmal seit 1959 nicht mehr an seinem ursprünglichen Standort in der Mitte der Allee vor der Harmonie befindet, sondern im Alten Friedhof? Als Ästhet hätte er vermutlich Einwände erhoben – legte er doch großen Wert darauf, dass einem Denkmal „seine Umgebung keineswegs gleichgültig sein kann“. Als Politiker hingegen wäre er mit der heutigen Platzierung – fernab der Passantenströme auf einem stillgelegten Friedhof – vermutlich recht zufrieden gewesen.

Am 25. Oktober 2021 geht es weiter zum Thema Pfau – Ciao!

Das Jahr 2021 steht (auch) im Zeichen von Ludwig Pfau, dessen Geburtstag sich heuer am 25. August zum 200. Mal jährt. In kurzen Videoclips stellen wir diesen eigenwilligen Revolutionär und Schriftsteller vor. Jeweils am 25. eines Monats erscheint ein neuer Clip. Hier im Blog verraten wir zum jeweiligen Video noch einiges über die historischen Hintergründe. Den neusten Video-Clip finden Sie hier.

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