Ein Denkmal für Ludwig Pfau. Zum Pfau-Video vom 25. August 2021 (Ludwig Pfau 08/2021)

Pfau-Videoclip 08/2021: Denkmal für Ludwig Pfau

Ein dauerhaftes Denkmal für Ludwig Pfau gibt es weder in Heilbronn noch sonst irgendwo. Dabei hätte er es verdient (finden wir). Seine Messlatte für ein gelungenes Denkmal lag allerdings hoch, so schrieb er am 27. Juni 1889 im Beobachter: „Wenn wir uns in unserem Schwabenlande nach den verschiedenen, darin umherstehenden Denkmälern umsehen, so finden wir darin nicht mehr als zwei sehenswerte, nämlich den Schiller in Stuttgart und den Kepler in Weil der Stadt. Die übrigen sind mehr oder weniger – und zwar eher mehr – mißlungene Schöpfungen.“

Pfau und Bismarck

Ein Denkmal für den streitbaren Pfau zu errichten, war tatsächlich einmal geplant gewesen. Allerdings – es in die Nähe eines Bismarck-Denkmals zu stellen, das hätte wohl niemand getan. Zumal wenn der (Originalzitat Pfau) „gemeinschädliche Giftjunker“ Bismarck überlebensgroß und unübersehbar in Erz gegossen dastand. Hatte er, Ludwig Pfau, nicht dafür gesorgt, dass der Kaiser bei der Gestaltung des Heilbronner Kaiser-Wilhelm-Denkmals (ab 1889) nur eine „Nebenrolle“ darauf einnahm?

Ansichtskarte des Bismarckdenkmals (Hersteller: Louis Glaser, Leipzig, Postkartensammlung Stadtarchiv Heilbronn)

Freilich hätte es am ursprünglichen Standort des Bismarck-Monuments wohl auch keinen Platz für ein weiteres Denkmal gegeben, so raumgreifend war die dem Reichskanzler gewidmete Anlage. Beim ihm genügt auch der schlichte Nachname auf dem Sockel und jeder und jede weiß bis heute, um wen es sich handelt. Bei einem Pfau-Denkmal müsste man wohl ein paar Worte mehr aufwenden. Obwohl – nach dem Pfau-Jahr 2021 ist auch der Ludwig Pfau (hoffentlich) bei vielen wieder ein Begriff.

Bismarck stand für Pfau und seine Mitstreiter, zum Beispiel von der Volkspartei, für ein Deutschland unter der politischen und militärischen Führung durch Preußen, in dem der Föderalismus abgeschafft werden sollte und die Pressefreiheit nichts galt. Siehe dazu auch den Blog-Beitrag vom 25. Juni!

In einem Essay vom 5. Juli 1876 in der Frankfurter Zeitung fasste Pfau seine Sicht auf Preußen und seiner von Bismarck bestimmten Politik zusammen:

Ist es nicht genug, daß uns das kulturschändliche preußische Regiment ökonomisch, moralisch und intellektuell zu Grunde richtet, indem es die Gewalt an die Stelle des Rechts setzt und die soziale Freiheit, die Grundbedingung des menschlichen Fortschritts, systematisch zu Tode hetzt – sollen wir uns auch noch ästhetisch von ihm ruinieren lassen? Wäre es nicht Pflicht der Kleinstaaten, wenigstens auf dem Felde von Kunst und Wissenschaft – wenn auch mit Kampf und Aufwand – ihre Autonomie zu wahren und die Arbeit des Geistes vor der Berliner Schablone zu retten? Aber freilich, die Zeiten sind schlecht […]; wo man den Generälen Paläste baut, bleibt für den Kunstfleiß nur die Bretterbude.“ (wiedergegeben in Ludwig Pfau: Politisches und Polemisches, um 1895, Seite 311f.).

Wie zur Bestätigung dieser Zeilen wurde Pfau daraufhin wegen Beleidigung des preußischen Staatsministeriums zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, die er im ersten Quartal 1878 im Heilbronner Zellengefängnis absaß.

Sammeln für ein Pfau-Denkmal

Wohl Anfang des Jahres 1900 war in demokratischen Kreisen die Idee entstanden, in Heilbronn ein Ludwig-Pfau-Denkmal zu errichten. So erschien in der Frankfurter Zeitung am 31. März jenes Jahres ein Spendenaufruf, um dem „Dichter und Denker“ zu „dauernder Ehre“ zu verhelfen. Neben Heilbronner Lokalgrößen wie Carl Betz, Wilhelm Ostertag und Peter Bruckmann hatten unter anderem in Stuttgart auch der Rechtsanwalt und Politiker Conrad Haußmann, die Künstler Albert Kappis und Friedrich von Keller sowie der Verleger Adolf Kröner den Aufruf unterzeichnet. Auch die in Berlin lebenden Schriftsteller Karl Emil Franzos und Robert Schweichel gehörten dazu.

Allerdings fand der Appell nicht die erhofften „offenen Herzen und offenen Hände“, sondern stieß überwiegend auf verschlossene (Geld-)Taschen. War Ludwig Pfau knapp sechs Jahre nach seinem Tod schon vergessen oder war seine Haltung nicht mehr opportun, dass nur so wenig Geld zusammenkam? Zu Pfaus 100. Geburtstag 1921 gab es immer noch nicht genügend Geld für ein Denkmal und das, was vorhanden war, raffte die Inflation wenig später hinweg.

Dann wenigstens eine Büste
Dieses Foto eines unbekannten Fotografen soll Ludwig Pfau darstellen – belegt ist das jedoch nicht (Fotosammlung Stadtarchiv Heilbronn)

Immerhin: 1932 unternahm das Heilbronner Bürgermeisteramt einen neuen Anlauf und wollte den Ehrenbürger Pfau durch eine Büste würdigen. Als Vorlage sollte eine Büste dienen, die „seinerzeit von Professor Benedikt König modelliert“ worden war, wie es in den Unterlagen von Biberach/Riß vom 17. Juni 1932 heißt. Oberbürgermeister Emil Beutinger hatte die Gipsbüste in Biberach „entdeckt“ und nach Heilbronn ausgeliehen, um einen Bronzeabguss herstellen zu lassen. So berichtete es die Neckar-Zeitung am 20. Juli 1932 und auch, dass der Abguss dann – analog zur Schiller-Büste auf der Allee – an einem „geeigneten Ort in der Stadt“ aufgestellt werden sollte.

Der Nachlass des Bildhauers Benedikt König befand sich bis ins Jahr 2020 in Biberach und das dortige Kunst- und Altertumsmuseum (heute Braith-Mali-Museum) hatte die Büste zur Abformung tatsächlich nach Heilbronn geschickt. Der Vorschlag des Museumsvorstandes, das Kunstwerk ganz Heilbronn zu überlassen, war hingegen vom Biberacher Gemeinderat abgelehnt worden. Aber wo befindet sich die Büste jetzt? Haben die Heilbronner sie zurückgeschickt oder blieb sie hier und ging vielleicht im Zweiten Weltkrieg unter? Schlummert das Pfau-Bildnis bislang unerkannt unter den vielen Büsten im Nachlass des Bildhauers Benedikt König, der sich mittlerweile im Kunstarchiv Darmstadt befindet? Und: Würden wir Ludwig Pfau erkennen, denn von ihm gibt es (im Gegensatz zu Bismarck) nur wenige Porträts?

Für Bismarck ein Denkmal
Zahlreiche Zuschauer begleiteten die Einweihung des Denkmals am 30. Juli 1903 (Hersteller: Atelier Fleischmann, Heilbronn, Postkartensammlung Stadtarchiv Heilbronn)

Das Heilbronner Bismarck-Denkmal wurde erstaunlich schnell realisiert. Vermutlich lag das an Paul Hegelmaier, von 1884 an zwanzig Jahre lang Heilbronner Oberbürgermeister, den sein sozialdemokratischer Gegner im Gemeinderat, Gustav Kittler, den „Kleinen Bismarck“ nannte. Wäre unter OB Hegelmaier überhaupt ein (größeres) Pfau-Denkmal realisiert worden? Denn Hegelmaier war nicht nur ein Verehrer des Reichskanzlers, sondern er trat in Heilbronn tatsächlich wie ein kleiner Bismarck auf. So hielt er ähnlich wie sein großes Vorbild, der das Parlament als „Schwatzbude“ titulierte, den Gemeinderat lediglich für das ausführende Organ seiner oberbürgermeisterlichen Beschlüsse. Er hatte „den preußisch-militaristischen Ton nach Heilbronn“ gebracht; „er neigte im Umgang mit den städtischen Beamten und dem Gemeinderat zum Kommandostil und ließ nur seine Meinung gelten. Er erwartete stets Zustimmung, keine Widerrede“, schreibt Bernhard Müller in seiner lesenswerten Analyse der Ära Hegelmaier „Dem Fortschritt die Hand reichen“.

Das Bismarckdenkmal beim heutigen Kurt-Schumacher-Platz, 1959 (Foto: Fritz Friederich, Fotosammlung Stadtarchiv Heilbronn)

Kurz nach dem Tod Otto von Bismarcks am 30. Juli 1898 gründete sich also hier ein Ausschuss mit OB Hegelmaier an der Spitze, um „in unserer Mitte bald ein Bismarckdenkmal“ zu errichten, wie es in einem großformatigen Spendenaufruf in der Neckar-Zeitung vom 12. November 1898 heißt. Noch zu Bismarcks Lebzeiten war 1895 die Jäger(haus)straße in Bismarckstraße umbenannt worden – die Pfaustraße übrigens gab es seit 1894; anlässlich von Pfaus 100. Geburtstag wurde sie in Ludwig-Pfau-Straße umbenannt.

Innerhalb kurzer Zeit wurden 41.000 Mark für das Bismarck-Denkmal gesammelt. Die noch fehlenden 8.000 Mark sagte der Oberbürgermeister aus städtischen Mitteln zu, ohne den Gemeinderat vorher gefragt zu haben, der dann (vermutlich zähneknirschend) den Betrag nachträglich genehmigte.

Am 31. Juli 1903 – es war Bismarcks fünfter Todestag – wurde die monumentale Gedenkanlage eingeweiht. Die mit Sockel neun Meter hohe Bismarck-Statue war von dem Stuttgarter Bildhauer Emil Kiemlen entworfen worden, die große Umfassung mit den „Germania-Köpfen“ stammte von Bildhauer Otto Rieth. Das Denkmal stand an sehr prominenter Stelle: In der Grünanlage „Neckarlust“ an der Neckarbrücke, am westlichen Eingang zur Innenstadt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Umfassung entfernt und mit dem Bau des Neckarturms wurde das Denkmal versetzt. 1995 fand es im der kleinen Grünanlage des neuen Wohn- und Geschäftskomplexes „Bismarckpark“, der auf dem Gelände der ehemaligen Ernst-Mayer-Briefhüllenfabrik errichtet worden war, seine neue Heimat.

Bismarck in Schieflage, Abbau des Denkmals zu Restaurierungszwecken am 4. April 1995 (Aufnahme: Beate Bucher, Fotosammlung Stadtarchiv Heilbronn)

In ihrer rechten Hand hält die Heilbronner Bismarck-Statue übrigens die monarchische Verfassung von 1871 (als nachgebildete Papierrolle), deren Initiierung hier dem Reichskanzler zugeschrieben wird und links stützt sich die Figur auf ein Schwert als Sinnbild der militärischen Wehrhaftigkeit. Damit stand die Anlage – nach Friedemann Schmoll – bei ihrer Einweihung 1903 mehr als alle anderen Otto von Bismarck gewidmeten Denkmäler für die „Verkörperung Deutschlands schlechthin“ (Friedemann Schmoll, Verewigte Nation (1995), Seite 319).

Nebenbei: Auf den „kleinen Bismarck“ Paul Hegelmaier geht das „Etikett“ Heilbronns als „Stadt der Krämerseelen“ zurück. Nach etlichen Querelen war er im Juli 1904 aus seinem Amt als Oberbürgermeister ausgeschieden und prozessierte anschließend mit der Stadt um die Erstattung von rund 8.100 Mark – die ließ sich jedoch von einem selbstherrlichen Ex-OB nicht (mehr) beeindrucken, was ja wohl eher für sie spricht. Erst ein im März 1905 gefälltes Urteil des Oberlandesgerichts zwang die Stadt dann zur Bezahlung. (Näheres dazu auch hier).

Das Thema Ludwig Pfau und die Heilbronner Denkmäler ist noch nicht zu Ende, sondern geht in der nächsten Folge weiter – Ciao!

Ludwig-Pfau-Serie: zum vorigen Beitrag

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