Die Philister (… mochte Pfau gar nicht …). Zum Pfau-Video vom 25. Juni 2021 (Ludwig Pfau 06/2021)

Pfau-Videoclip 06/2021: Die Philister

Philister sind scharmante Leute,
Immer die gleichen, gestern wie heute.
Immer dieselben, heute wie morgen,
Die für ihren Nachwuchs sorgen
Die vor fremden Türen kehren
Und im Schmutz die eigne lassen,
Andern einen Trunk verwehren
Und am offenen Spundloch prassen.
[…]

Pfaus Gedicht „Filister“[!] in der ältesten Fassung von 1858.

Das Wort „Philister“ mag uns heute zwar nicht mehr sehr geläufig sein. Doch den Typus, den Pfau in diesem Gedicht mit feinem ironischen Unterton beschreibt, den kennen wir sehr wohl: Menschen, die anders handeln, als sie reden. Wein trinken und Wasser predigen, Solidarität einfordern, aber den eigenen Vorteil suchen, den Klimawandel beklagen, doch mit dem Flugzeug in den Urlaub fliegen … aktuelle Beispiele lassen sich viele finden. Besonders Politiker sehen sich oftmals dem Vorwurf ausgesetzt, nur Lippenbekenntnisse von sich zu geben, anstatt konsequent zu handeln – man denke nur an die Forderungen der Fridays-for-Future-Bewegung.

Für Ludwig Pfau ging es damals nicht um Klimaschutz, sondern um politische Mitbestimmung und soziale Gerechtigkeit. Viele seiner Gedichte und Texte kreisen um diese beiden Themen. Im Mittelpunkt seines Denkens steht der Mensch mit seinen unveräußerlichen Rechten. Politik, Staat, gesellschaftliche Ordnung – all dies hat für Ludwig Pfau nur einem Zweck zu dienen: dem Individuum die Ausübung seiner Menschenrechte zu garantieren. Diesem Ziel ordnet er alles andere unter, und diesbezüglich kann es für ihn keine Kompromisse geben.

Deswegen gehört Pfau, obwohl er sich selbst in der 1848er Revolution engagierte, zugleich zu ihren schärfsten Kritikern. Das liberale Bürgertum forderte individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit sowie politische Mitsprache – diese jedoch in erster Linie für sich selbst, für die besitzenden oder zumindest gebildeten Gesellschaftsschichten. Die Mehrheit lehnte es hingegen ab, auch Lohnarbeiter, Dienstboten, Unbemittelte etc., also Menschen der unterbürgerlichen Schichten, an der politischen Macht teilhaben zu lassen: Man fürchtete eine Herrschaft des Pöbels, den Umsturz der gesellschaftlichen Ordnung und der bestehenden Besitzverhältnisse. Für Pfau aber war die gleichberechtigte politische Mitbestimmung aller Schichten des Volkes die Basis für Rechtsstaatlichkeit und die Garantie individueller Freiheit und Menschenrechte. Diese bürgerlichen Liberalen waren für ihn daher: Philister.

Die Nationalversammlung, die ab dem 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche über die künftige Verfassung eines deutschen Gesamtstaates beriet, war für Ludwig Pfau ebenfalls eine Enttäuschung. Er warf ihr vor, ihrem Auftrag, „den Willen des souveränen Volkes“ zu vollstrecken, nicht gerecht geworden zu sein. An seinen Freund Carl Mayer schreibt er rückblickend am 5. Mai 1850:

Aus einem Konvent, der den Willen des souveränen Volks vollstrecken sollte, ist eine erbärmliche Koterie geworden, die die Volkssouveränität in sich gefressen hat. Statt mit dem Volke Hand in Hand zu gehen und einzusehen, daß sie gegenüber dem Volke nichts, daß sie nur durch das Volk etwas sind; statt einzusehen, daß in den Köpfen des Volks zehnmal mehr Verstand steckt, als in den ihrigen, haben sie sich vom Volke abgetrennt, haben wohlweise, staatsmännische Köpfe geschnitten, die Esel, und haben eine Parlamentskaste gebildet. Mit einem Wort, als sie die Monarchen nicht abtun konnten, sind sie selber kleine Monärchlein geworden, die ihre Individualität dem Volke als absolute Weisheit, absolute Gewalt etc. aufdrängen wollten. Kurz, nur eine neue Sorte von Absolutismus! Statt 36 Monarchen hatte man jetzt etliche Hundert.“

Was Pfau hier anspricht, ist eine bis heute immer wieder erhobene Kritik am Parlament, die ein Grundproblem der repräsentativen Demokratie berührt: Durch ihre Wahl werden die Abgeordneten von den Wählern mit einem Mandat ausgestattet, das sie in der parlamentarischen Praxis jedoch kaum zu einhundert Prozent umsetzen können. Die Meinungsbildung und das Ringen um handlungsfähige Mehrheiten lebt von der Diskussion, von Überzeugungsarbeit, von Kompromissen und Konzessionen. Am Schluss müssen die Wähler die Ergebnisse der Parlamentsarbeit ihrer Abgeordneten akzeptieren, auch wenn sie im Einzelnen damit vielleicht nicht einverstanden sind.

Volkssouveränität versus konstitutionelle Monarchie, aus dem Eulenspiegel vom 8. Juli 1848.

In Sachfragen mag das für geübte Demokraten noch zu verschmerzen sein, doch diese praktische Erfahrung fehlte in Deutschland 1848 noch beinahe ganz. Und bei der Nationalversammlung ging es zudem um die ganz fundamentalen Fragen der Staatsform und des Staatsgebiets: (konstitutionelle) Monarchie oder Republik, kleindeutsche Lösung oder großdeutsche unter Einbeziehung von Österreich. Mit hauchdünner Mehrheit hatten sich die Abgeordneten Ende März 1849 für die konstitutionelle Monarchie und die kleindeutsche Lösung ausgesprochen. Beides aber stand für Pfau in einem grundsätzlichen Widerspruch zur Volkssouveränität und zum Volkswillen. Auch deswegen spricht er in dem Zitat davon, dass man jetzt „etliche Hundert Monärchlein“ habe, die ihre Ansichten dem Volk übergestülpt hätten.

Für Parlamentarier, die Realpolitik betrieben und selbst bei Grundsatzfragen noch kompromiss- und konzessionsbereit waren, um unter gegebenen Umständen möglichst viel von ihren politischen Zielen durchzusetzen, hatte Pfau kein Verständnis. Er warf ihnen Prinzipienlosigkeit vor. Eine Kooperation mit der württembergischen Regierung war für Pfau spätestens ab der gewaltsamen Zerschlagung des Rumpfparlaments in Stuttgart ausgeschlossen. Politiker wie Adolf Schoder und Adolf Seeger, die bis Ende 1850 in den verfassungsrevidierenden Landesversammlungen Württembergs noch Teile der liberalen Errungenschaften zu retten versuchten, bezeichnete er als „Stellenschnapper“. Ihnen, aber auch dem Volk, dessen Bereitschaft zu einem bewaffneten Aufstand sich mit wenigen Ausnahmen sehr in Grenzen gehalten hatte, widmete er Anfang 1850 „Das Lied von der deutschen Treue“ mit dem Sinnbild des Hundes, der trotz Prügel ergeben zu seinem Herrn hält.

Karikatur zum Lied von der deutschen Treue, aus dem Eulenspiegel vom 1. Januar 1850.

Pfau hielt also das Parlament, selbst wenn es auf allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlen beruhte, für nicht sonderlich geeignet, den „wahren“ Volkswillen zu realisieren. Die oben genannte Landesversammlung war ihm deswegen „Wurst“. Das Paulskirchenparlament nannte er eine „Versammlung politischer Unfähigkeit“. Neben der seiner Meinung nach unzulänglichen Repräsentation des Volkswillens beklagte er die lange Dauer parlamentarischer Prozesse: „Ein Fortschritt, der in dreißig Tagen auszuführen wäre, braucht dreißig Jahre zu seiner Verwirklichung.“

Doch was schwebte ihm als Alternative vor? Hier ist er stark von dem französischen Anarchisten Pierre-Joseph Proudhon beeinflusst, der ein System der „politischen Ökonomie“ entworfen hatte und den er seinem Freund Carl Mayer als „die beste Arznei gegen die Parlamentskrankheit“ empfahl. In einem dezentralen, von unten nach oben aufgebauten föderalistischen System sollten einzelne gesellschaftliche Gruppen ihre Interessen jeweils selbst verwalten und vertreten und sich auf jeder Ebene gegenseitig „ins Gleichgewicht“ setzen. Dadurch, so Pfau, „tragen sie durch das regelmäßige Spiel ihrer Thätigkeit die Intelligenzen nach oben; und indem sie diese, als ihre leitenden Organe, zu gemeinsamer Wirksamkeit vereinigen, liefern sie in ihren Spitzen die wirklichen Berater und natürlichen Verwalter der Staatsgewalt. Auf diese Art entwickelt sich ein beständiger, regelmäßiger Kreislauf der sozialen Kräfte zwischen Haupt und Gliedern […] Jetzt hat die Regierung […] den Widerspruch der öffentlichen Meinung nicht länger zu fürchten […] und das Volk, nicht mehr von einer unfähigen Bevormundung eingezwängt, sieht nun in seiner Regierung den Mittelpunkt seines Bewußtseins […] und steht zu ihr wie EIN Mann.“ (Ludwig Pfau, Kunst und Kritik Bd. 4: Freie Studien, Ausgabe 1888, S. 307f.) Klingt nebulös? Wesentlich präziser hat Pfau seine Vorstellungen von einer funktionierenden Demokratie nicht ausgeführt. Er bleibt in der Theorie im Vagen und Ungefähren, genauso wie er in der Praxis niemals (abgesehen von seiner kurzen Episode als aktiver Revolutionär 1848/49) ein politisches Amt innegehabt hat und selbst den Zwickmühlen der Realpolitik ausgesetzt war.

Pfau, Mayer, Haußmann, die Wiederbegründer der demokratischen Volkspartei 1864. Postkarte zum 50-jährigen Parteijubiläum 1914.

Anders als seine Gedanken zur grundsätzlichen gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung formuliert Pfau seine konkreten politischen Ziele deutlich klarer und auf den Punkt. Nachdem er Ende 1863 aufgrund einer Amnestie nach Württemberg zurückgekehrt war, machte er sich gemeinsam mit seinen Freunden Carl Mayer und Julius Haußmann daran, „den Augiasstall der Reaktion mit dem Besen des Prinzips gehörig auszufegen“: Während der 1850er Jahre hatten sich die in Württemberg verbliebenen Demokraten den Liberalen politisch angenähert und radikale Positionen vermieden; 1859 hatte man sich zur „Fortschrittspartei“ zusammengeschlossen. Pfau, Mayer und Haußmann übernahmen 1864 die Redaktion der Parteizeitung „Der Beobachter“, sorgten für eine Schärfung des politischen Profils und damit schließlich für die Spaltung in (demokratische) Volkspartei und (nationalliberale) Deutsche Partei. Pfau kam dabei die Rolle des „geistigen Motors, des Generalstabschefs“ zu: „Er gibt die entscheidenden Formulierungen, die polemischen Kernpunkte, versorgt das Arsenal mit dem Rüstzeug, dessen die Kämpfer an der politischen Front bedürfen.“ (Theodor Heuss über Ludwig Pfau, 1921).

Unter dem Titel „Centralisation oder Föderation? Ein Beitrag zur Lösung der deutschen Frage“ skizzierte Ludwig Pfau 1864 das föderalistische Programm der württembergischen Demokraten.

Der Haupt-Streitpunkt drehte sich um die Frage des deutschen Nationalstaates und der Verfassung: Für die Nationalliberalen war das wichtigste Ziel die deutsche Einheit. Dafür waren sie bereit, eine preußische Führung zu akzeptieren und Reformen für eine freiheitlichere Verfassung unterzuordnen. Die württembergischen Demokraten um Pfau, Mayer und Haußmann hingegen setzten die „Freiheit“ an erste Stelle. Eine Unterordnung unter das militaristische und verfassungspolitisch rückständige Preußen kam für sie unter keinen Umständen in Frage, denn „im politischen Leben gibt es keinen schlimmern Irrthum, als die Einheit mit der Freiheit zu bezahlen.“ Die „Einheit ohne die Freiheit“ vergleicht Pfau mit dem „Storch, den die Frösche zum König bekamen.“ Daher – und passend auch zu den theoretischen Überlegungen Proudhons – erscheint Pfau der Föderalismus als die einzige staatliche Ordnung, in der eine freiheitliche und demokratische Gesellschaft verwirklicht werden kann.

Am 25. Juli 2021 geht es weiter zum Thema Pfau – Ciao!

Das Jahr 2021 steht (auch) im Zeichen von Ludwig Pfau, dessen Geburtstag sich heuer am 25. August zum 200. Mal jährt. In kurzen Videoclips stellen wir diesen eigenwilligen Revolutionär und Schriftsteller vor. Jeweils am 25. eines Monats erscheint ein neuer Clip. Hier im Blog verraten wir zum jeweiligen Video noch einiges über die historischen Hintergründe. Den neusten Video-Clip finden Sie hier: https://www.youtube.com/user/stadtheilbronn

Ludwig-Pfau-Serie: zum vorigen Beitrag

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