1848/49. Der Revolutionär. Zum Pfau-Video vom 25. Mai 2021 (Ludwig Pfau 05/2021)

Pfau-Videoclip 05/2021: Der Revolutionär

Als Ludwig Pfau zu Beginn des Jahres 1848 seine politische Satire-Zeitschrift „Eulenspiegel“ auf dem Zeitungsmarkt platzierte, lag die heraufziehende Revolution schon wie ein Gewitter in der Luft. Über Jahre hin hatte sich in der Bevölkerung eine politische Unzufriedenheit angestaut. Das aufstrebende Bürgertum forderte freiheitliche Verfassungen, einen deutschen Nationalstaat, Presse- und Vereins- und Versammlungsfreiheit, das Ende noch verbliebener Feudallasten. Eine schwere Wirtschaftskrise verschärfte 1846/47 ohnehin schon bestehende soziale Konflikte und das wachsende soziale Elend der unteren Bevölkerungsschichten. Diese gesellschaftspolitischen Missstände prangerte der Eulenspiegel mit spitzer Zeichenfeder und treffenden Worten an.

Revolutionäre Unruhen in Paris sprangen wie ein Funke rasch auf die deutschen und auf weitere europäische Staaten über. Ab März 1848 überschlugen sich die Ereignisse. Einige Regierungen kamen den liberalen Forderungen zunächst entgegen: So wurden im Königreich Württemberg am 9. März Vertreter der bisherigen Opposition im Landtag in die Regierung berufen – das so genannte Märzministerium unter Friedrich Römer. Es verabschiedete Ende März erste Reformgesetze. Bereits am 2. März war die Pressezensur aufgehoben worden. In Versammlungen und Veröffentlichungen diskutierten die Bürger ihre Vorstellungen von der politische Zukunft Deutschlands. Diese waren keineswegs einheitlich: Die gemäßigten Liberalen strebten eine konstitutionelle Monarchie an, mit einem Wahlrecht, das an Besitz geknüpft und nach Vermögen gestaffelt war. Radikale Demokraten forderten das allgemeine, gleiche und direkte (Männer-)Wahlrecht sowie die Abschaffung der Monarchie zugunsten einer Republik. Dazwischen gab es mancherlei Abstufungen. Nahezu alle setzten ihre Hoffnungen zunächst in die deutsche Nationalversammlung, die ab 18. Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche tagte.

Die Nationalversammlung in der Paulskirche 1848 (Lithografie: Eduard Gustav May, Zeichnung: Franz Bamberger, Verlag: S. Schmerber), Wien Museum Inv.-Nr. 87459

Ludwig Pfau beteiligte sich an der Revolution zunächst vor allem publizistisch. Mit dem Wegfall der Pressezensur konnte sein „Eulenspiegel“ bis zum Sommer 1849 nahezu ungehindert erscheinen (siehe Blogbeitrag 04/2021). Die württembergischen Behörden verweigerten gar die Zustellung einer gerichtlichen Vorladung an Pfau und seinen Zeichner Nisle, als diese im August 1848 vor einem Freiburger Gericht wegen Majestätsbeleidigung angeklagt waren. Auch das Urteil, das auf sechs Monate Gefängnis lautete, blieb unvollstreckt.

Als verantwortlicher Redakteur dürfte Pfau höchstselbst hinter den meisten der nicht namentlich gekennzeichneten Artikel des „Eulenspiegel“ stecken. Daneben veröffentlichte er 1848/49 weitere Texte, zumeist in Gedichtform, in verschiedenen anderen Zeitungen. Entschieden tritt er für die Abschaffung der Monarchie ein, für eine Republik auf der Grundlage einer freiheitlichen demokratischen Verfassung, für die gesetzliche Gleichstellung aller (männlichen) Staatsbürger. Von der Nationalversammlung erwartet er eine gesamtdeutsche Lösung auf föderaler Grundlage. Nur in dieser sieht er die Souveränität der einzelnen Völker gewahrt. Zur Durchsetzung dieser Ziele erscheint ihm Gewalt legitim, ja sogar geboten: In mehreren seiner Gedichte ruft er unverhohlen zum bewaffnetem Kampf auf. Damit gehört Pfau zu einer kleinen – allerdings lautstarken – Minderheit am äußersten linken Rand des revolutionären Spektrums.

„Lied von einem deutschen König“, hier in der Passauer Zeitung

Seine Stärke liegt dabei nicht in der Ausarbeitung eines detaillierten politischen Programms. Pfau entfaltet seine Wirkung vor allem durch schonungslose Kritik des Zeitgeschehens, die er in deutlichen Worten äußert, mal gepaart mit ätzendem Spott und beißender Satire, mal in sehr emotionalem Ton. Gleich im März 1848 landet er einen revolutionären Hit: Sein „Lied von einem deutschen König“ prangert die blutige Niederschlagung des Berliner Märzaufstands an. Es erscheint am 26. März im „Beobachter“ und wird von mehreren Zeitungen nachgedruckt. Auf der ersten großen württembergischen Volksversammlung in Göppingen, mit mehreren tausend Teilnehmern, fordert die Menge einen Redner auf, dieses Gedicht vorzutragen. Der Erfolg seiner revolutionären und sozialkritischen Gedichte veranlasst Pfau, sie im November 1848 in einem Bändchen gesammelt herauszugeben.

Doch nicht bei allen kommt seine scharfe Kritik gut an. Denn keineswegs alle Bürger wollten die Monarchie radikal abschaffen. Pfau wird sogar physisch bedroht, wie die Zeitschrift „Die Grenzboten“ Ende April 1848 berichtet: „Der Redacteur des kürzlich erwähnten Eulenspiegels, Pfau, hat vergangene Woche Gelegenheit gehabt, Stoff zu einem Commentar über Preßfreiheit zu sammeln. Da er nämlich, in freilich zu sehr auf die Spitze getriebener Consequenz, mehrere gekrönte Häupter mit etwas unzarten satyrischen Anspielungen anfiel und dabei selbst hiesige Verhältnisse nicht schonte, empfing er einen Besuch von sechs Weingärtnern, den Schildhaltern der Stuttgarter Loyalität, welche ihm sowohl, wie seinem Mobiliar eine vollständige Zerschlagung androhten, sofern er seinen Witzen nicht eine bessere Wendung gäbe.“

Ludwig Pfau im Revolutionsjahr 1848. Porträt von Karl Reutlinger, Karlsruhe. Quelle: DLA Marbach

Sicherlich besuchte Pfau auch die zahlreichen Versammlungen der Demokraten und nahm an deren Diskussionen teil. Als engagierter Redner trat er allerdings kaum in Erscheinung. Die öffentliche Agitation überließ er weitgehend anderen, zum Beispiel seinen Freunden Carl Mayer und Julius Haußmann. Erst im Frühjahr 1849, als die Revolution in ihre letzte Phase kam, scheint er öfters vor Publikum aufgetreten zu sein. Der „Wiener Zuschauer“ berichtet, unter den Rednern einer Stuttgarter Versammlung vom 25. April sei „der Literat Pfau von hier, Redakteur des Eulenspiegels (den die Eitelkeit trotz des ungünstigsten Organs dennoch überall zum Reden treibt)“ gewesen. Stimmliche Probleme dürften also ein Grund gewesen sein, warum Pfau insgesamt kaum als öffentlicher Redner auftrat.

Eine seiner seltenen Ansprachen hielt Pfau am 21. November in Heilbronn: Nach Aufständen in Wien war dort der demokratische Paulskirchen-Abgeordnete Robert Blum standrechtlich erschossen worden, ein klarer Verstoß gegen die parlamentarische Immunität. Der Demokratische Verein Heilbronn veranstaltete einen Trauerzug und eine „großartige demonstrative Totenfeier“ auf dem Marktplatz. Neben Pfau sprachen dabei lokale Führer der Revolution, darunter der Buchdrucker August Ruoff und der Apotheker Friedrich Mayer, Bruder des Arztes und Physikers Robert Mayer. In seiner Rede fordert Pfau: „Fort mit der alten Fürstenmacht, die sich jung baden will in dem Blute des Volkes!“ und konstatiert: „Die Republik ist getauft! Sie ist getauft mit dem Blute Robert Blum’s!“ Die Heilbronner Buchhandlung C. Drechsler gab Pfaus Rede im Druck heraus, der Mehrerlös ging an die Familie Robert Blums.

Eduard Gustav May (Verleger), Erschießung Robert Blums am 9. November 1848, Wien Museum Inv.-Nr. 108127

Mindestens ein weiteres Mal trat Pfau in Heilbronn als Redner auf, auf einer Volksversammlung im Februar 1849. Auch wurde er Mitte Mai als Kandidat des Heilbronner Volksvereins in den württembergischen Landesausschuss gewählt. Dennoch, und obwohl die Stadt zu den Hochburgen der demokratisch gesinnten Revolutionäre in Württemberg gehörte, zählt Pfau nicht zu den lokalen Anführern des hiesigen Geschehens. Mit diesen – neben August Ruoff und Friedrich Mayer sind vor allem August Bruckmann, Theobald Kerner (der Sohn von Justinus Kerner) sowie Louis Hentges, Gastwirt und Paulskirchen-Abgeordneter zu nennen – war er zwar gut bekannt. Sein Lebensmittelpunkt in dieser Zeit lag jedoch eindeutig in Stuttgart.

Nach langen Debatten hatte die Frankfurter Nationalversammlung am 27. März 1849 schließlich eine Reichsverfassung verabschiedet und am folgenden Tag den preußischen König Friedrich Wilhelm IV. zum Reichsoberhaupt gewählt. Während die Reichsverfassung von den meisten kleineren deutschen Staaten zügig anerkannt wurde, zögerte der württembergische König und konnte nur durch massiven innenpolitischen Druck zu diesem Schritt bewegt werden. Doch Ende April lehnte der preußische König die ihm angebotene Reichskrone ab. Die Nationalversammlung war gescheitert, die meisten Abgeordneten gaben ihr Mandat auf. Nur die Gruppe der Demokraten siedelte als „Rumpfparlament“ nach Stuttgart über und tagte weiter.

Damit war die Revolution in ihre letzte, radikale Schlussphase eingetreten. Das drohende Scheitern vor Augen, diskutierten die demokratischen Volksvereine über verschiedene Handlungsoptionen. Auf einer großen Landesversammlung in Reutlingen an Pfingsten 1849 (Ende Mai) verabschiedeten sie weitreichende Forderungen an die württembergische Regierung. Unter anderem sollte sie sich mit dem aufständischen Baden solidarisch zeigen: Dort hatte sich inzwischen das Militär mit den Revolutionären verbrüdert und der Großherzog war außer Landes geflohen. Eine kleine, radikale Gruppe um Carl Mayer erstellte zudem heimlich einen detaillierten Aktionsplan zum bewaffneten Aufstand, für den Fall, dass die Regierung die Forderungen ablehnen sollte.

Zu dieser Gruppe gehörte auch Ludwig Pfau, und vor diesem Hintergrund ist sein „Gruß an die Soldaten“ auf der Reutlinger Pfingstversammlung zu verstehen: Er appelliert darin an die württembergischen Soldaten, sich ebenfalls mit dem Volk zu verbrüdern und sich einem möglichen Einsatz gegen badische Aufständische zu verweigern – potentiell aber auch einem Einsatz gegen Aufständische im eigenen Land.

Als die württembergische Regierung die Forderungen der Landesversammlung ablehnte, soll Pfau mit anderen erneut verlangt haben, das Volk zum bewaffneten Aufstand aufzurufen. Doch eine landesweite Erhebung blieb aus. Zugleich verschärften sich Differenzen zwischen der Nationalversammlung – dem in Stuttgart tagenden Rumpfparlament – und der württembergischen Regierung. Als die Heilbronner Bürgerwehren am 9. Juni einen Eid schworen, die Nationalversammlung bei Bedarf mit Waffengewalt zu schützen, setzte die württembergische Regierung tatsächlich Truppen in Bewegung, um die Heilbronner zu entwaffnen.

In dieser Zeit, Anfang Juni, verließ Ludwig Pfau Württemberg und nahm Kontakt zum Hauptquartier der aufständischen badischen Truppen in Heidelberg auf. Als Grund hierfür wird meist ein Artikel im Eulenspiegel genannt, in dem er die württembergische Regierung scharf kritisiert hatte und für den er später tatsächlich zu drei Monaten Haft und dreißig Gulden Geldstrafe verurteilt wurde. Allerdings prangert Pfau darin die gewaltsame Beendigung des Rumpfparlaments am 18. Juni 1849 an – zu diesem Zeitpunkt befand er sich bereits in Baden.

Plausibler erscheint daher die Vermutung, er sei gezielt nach Baden gegangen, um von dort militärische Hilfe für die bedrohten Bürgerwehren zu holen. Mit dem badischen Befehlshaber Bernarzky erschien er am 13. Juni in Wimpfen, das von badischer Volkswehr besetzt worden war und wo sich ein Teil der Heilbronner Bürgerwehren – darunter August Ruoff, Friedrich Mayer und August Bruckmann – aufhielt. Hier traf Pfau am Abend letztmalig seinen Vater, der extra aus Heilbronn gekommen war.

„Die Preußen kommen!“, ca. 1849 (Zeichnung: Friedrich Kaiser, Lithografie: F. Lentze, Verlag: L. Sachse & Co., Berlin), GLA Karlsruhe J-G B 1 (12), Bild 1

Doch die Pläne, mit badischer Unterstützung einen Aufstand in Nordwürttemberg zu entfachen, zerschlugen sich innerhalb weniger Tage. Im Auftrag des Deutschen Bundes rückten preußische und andere Truppen auf Baden vor, um dem geflohenen Großherzog zur Rückkehr zu verhelfen. Die badischen Revolutionstruppen wurden zur Absicherung des eigenen Landes benötigt. Am 17. Juni gaben die Württemberger nach einer Besprechung mit dem badischen Befehlshaber Sigel in Bretten den Plan auf.

In der folgenden Zeit blieb Pfau zunächst in Baden. Ein später von mehreren Zeitungen veröffentlichter Brief von ihm an den badischen Diktator Werner datiert auf den 17. Juni. Darin fordert er Werner auf, ihn wie besprochen zum „Bevollmächtigten der badischen Regierung für die württembergischen Angelegenheiten“ zu erklären. Mehrere Zeitungen berichten von einem Plan Gustav Struves zu einem bewaffneten Einfall in Württemberg in der zweiten Juni-Hälfte, in dem unter anderem Pfau, Ruoff und Mayer als Berichterstatter und Weisungsempfänger „in allen die württembergische Expedition betreffenden Angelegenheiten“ erscheinen.

Auch dieser Plan zerschlug sich schließlich, als die badischen Revolutionstruppen zunehmend in Bedrängnis gerieten. In der Nacht vom 11. zum 12. Juli rettete sich ein Teil von ihnen, darunter Ludwig Pfau, über die Schweizer Grenze ins Exil. Wegen seiner Teilnahme an der Reutlinger Pfingstversammlung, insbesondere den Geheimsitzungen zum bewaffneten Aufstand, sowie an den badischen Invasionsplänen, wurde Pfau drei Jahre später vom Ludwigsburger Schwurgericht des Hochverrats für schuldig befunden. Mit 21 Jahren Zuchthaus erhielt er eine der höchsten Strafen, die in diesem Prozess mit insgesamt 147 Angeklagten verhängt wurde.

Das „Badische Wiegenlied“ im Eulenspiegel Nr. 50 vom 8. Dezember 1849, Stadtarchiv Heilbronn

Die Revolution in Baden und damit insgesamt in Deutschland endete bekanntlich mit der blutigen und brutalen Niederschlagung durch – vor allem – preußische Truppen. Seine Enttäuschung über die Niederlage und seinen Hass auf das preußische Militär bringt Ludwig Pfau im „Badischen Wiegenlied“, das im Dezember 1849 erscheint, besonders eindrucksvoll zum Ausdruck. Dessen letzte Strophe zeigt allerdings, ebenso wie die Karikatur am Schluss der Seite, dass Pfau die Hoffnung auf eine Änderung der politischen Verhältnisse noch nicht aufgegeben hatte.

Er hatte sich getäuscht. Bis zu seiner Rückkehr aus dem Exil sollten über dreizehn Jahre vergehen. Doch dazu mehr im übernächsten Blogbeitrag – im nächsten Monat wird es erst einmal darum gehen, wie sich Ludwig Pfau die Demokratie in Deutschland eigentlich vorstellte.

Am 25. Juni 2021 geht es weiter zum Thema Pfau – Ciao!

Das Jahr 2021 steht (auch) im Zeichen von Ludwig Pfau, dessen Geburtstag sich heuer am 25. August zum 200. Mal jährt. In kurzen Videoclips stellen wir diesen eigenwilligen Revolutionär und Schriftsteller vor. Jeweils am 25. eines Monats erscheint ein neuer Clip. Hier im Blog verraten wir zum jeweiligen Video noch einiges über die historischen Hintergründe. Den neusten Video-Clip finden Sie hier: https://www.youtube.com/user/stadtheilbronn.

Ludwig-Pfau-Serie: zum vorigen Beitrag

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