Ludwig Pfau – Der Eulenspiegel. Zum Pfau-Video vom 25. April 2021 (Ludwig Pfau 04/2021)

Pfau-Videoclip 04/2021: Eulenspiegel

Das Jahr 2021 steht (auch) im Zeichen von Ludwig Pfau, dessen Geburtstag sich am 25. August zum 200. Mal jährt. In kurzen Videoclips stellen wir diesen eigenwilligen Revolutionär und Schriftsteller vor. Jeweils am 25. eines Monats erscheint ein neuer Clip. Hier im Blog verraten wir zum jeweiligen Video noch einiges über die historischen Hintergründe. Den aktuellen Videoclip können Sie hier rechts ansehen: ->

Heute geht es um den „Eulenspiegel“, durch den damals – in den Jahren 1848 bis 1849 – fast jeder in Deutschland den Namen Ludwig Pfau kannte …

Der Anfang
Ende des Jahres 1847 gründete Ludwig Pfau eine satirische Zeitschrift und nannte sie „Eulenspiegel“. Pfau war damals 26 Jahre alt, er hatte sein Philosophiestudium in Tübingen abgebrochen, war voller literarischer Pläne, er brachte im Juni 1847 seine „Gedichte“ heraus und lebte seit Mai in Karlsruhe bei seinem Freund Hermann Kurz. Vermutlich kam er durch den acht Jahre älteren, aus Reutlingen stammenden Kurz in Kontakt mit den badischen Demokraten-Kreisen. Und: Im Austausch mit dem Freund wurde die Idee zum „Eulenspiegel“ geboren. Ende 1847 fuhr Pfau nach Stuttgart, um das „Eulenspiegel“-Projekt Wirklichkeit werden zu lassen.

Eulenspiegel Nr. 6 vom Frühjahr 1848 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Die erste Nummer des „Eulenspiegels“ erschien Anfang Januar 1848 als „Volks-, Witz- und Carrikaturen-Blatt“ (so sein Untertitel). Es war wohl das erste rein politische Satireblatt Deutschlands, das dann in den Jahren 1848 und 1849 als Sprachrohr der Demokraten sehr populär war.

Das verwundert auch nicht: Die Texte und Bilder waren direkt und volksnah, anschaulich, ironisch und witzig, manchmal anspruchsvoll und manchmal derb. Der „Eulenspiegel“ (und damit Ludwig Pfau) bezog eindeutig Position für die Republik, für Volkssouveränität und einen geeinten und freien deutschen Bundesstaat ohne Zollgrenzen. Ohne Föderalismus war für Pfau ein freiheitlich-demokratischer Staat nicht denkbar, weil zum Beispiel nur so die verschiedenen Interessen berücksichtig werden konnten. Neben der Pressefreiheit forderte der „Eulenspiegel“ auch die Versammlungsfreiheit und die Einführung von Schwurgerichten.

Der „Eulenspiegel“ kam wöchentlich heraus. Jede Nummer umfasste vier Seiten in DIN-A4-Format. Das Monatsabonnement kostete 12 Kreuzer, das Jahresabo war für 2 Gulden, 24 Kreuzer zu haben. Einzelne Ausgaben kosteten für Nichtabonnenten 6 Kreuzer. Diese Preise blieben so bis Ende 1851, dann gab es einen kleinen Aufschlag. Es scheint so, dass der „Eulenspiegel“ auch in Gaststätten und Kneipen auslag und auch so eine breite Leserschaft erreichte.

1847 – Zensur
Ende 1847 herrschte in den deutschen Ländern noch Pressezensur, auch in Württemberg, und es war schon mutig von dem jungen Ludwig Pfau, ein satirisches Volksblatt ins Leben zu rufen, dessen Ziel es war, die Missstände anzuprangern und zum Sprachrohr der Unzufriedenen zu werden.

Eulenspiegel Nr. 9 vom Frühjahr 1848 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Am 7. Dezember 1847 berichtete Pfau aus Stuttgart seinem „lieben Kurz“ in einem launigen Brief, dass die erste Nummer des „Eulenspiegels“ fertig sei und dass er das Blatt schon dem Zensor Freiherr von Linden vorgelegt und sich mit ihm herumgestritten habe. Immerhin meinte dieser schließlich: Das Blatt dürfe über die Polizei oder die Regierung schimpfen, aber bei Kritik über „die gekrönten Häupter … da höre alle Nachsicht auf“. Die gekrönten Häupter wurden dann zu einer der Lieblingszielscheiben des „Eulenspiegels“.

Ab März 1848 wurde in Württemberg die Pressezensur aufgehoben, dennoch gab es immer wieder Zensurverfahren gegen so kritische, „freche“ Blätter, wie es der „Eulenspiegel“ war. Insbesondere die preußische Regierung reagierte öfters empfindlich und reichte denn gleich im Nachhinein gegen die erste „Eulenspiegel“-Ausgabe ein Verfahren wegen „verunglimpfender Anspielungen“ auf den preußischen König ein, was für das Blatt allerdings ohne Konsequenzen blieb.

„Gefiel der Polizei so gut, dass sie uns sämtliche Exemplare dieses (konfiszierten) Bildes abnahm“, aus Nr. 44 vom 27. Oktober 1849 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Ab der zweiten Jahreshälfte 1849, als die Revolution und die Frankfurter Nationalversammlung gescheitert waren, finden sich in einzelnen Ausgaben des „Eulenspiegels“ Hinweise auf Eingriffe der Zensur. Die Redaktion wusste dies durchaus zu nutzen, so steht zum Beispiel in der Nr. 47 vom 17. November 1849 auf einer nahezu leeren Seite nur groß „württemb. Preßfreiheit“.

Mitwirkende
Hauptautor war natürlich Ludwig Pfau, der einerseits für sein Blatt frühere Gedichte umschrieb und aktualisierte. So ist das im Filmclip gezeigte Gedicht „Wie es mir träumte, ich sei Fürst geworden“, das so in der Ausgabe vom 25. März 1848 erschien, eine Umarbeitung des Gedichts „König Humbug“. Andererseits schrieb Pfau auch neue Texte. Die wöchentliche Erscheinungsweise bot ihm ausreichend Gelegenheit, fast tagesaktuell auf die Ereignisse der aufflammenden und dann sich wieder abkühlenden Revolution in Württemberg und in Deutschland sowie auf die Debatten in der Frankfurter Nationalversammlung zu reagieren.

Ein wiederkehrendes Motiv zum Untertanengeist, hier aus Nr. 11 vom Frühjahr 1848 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Die meisten Textbeiträge im Eulenspiegel sind nicht namentlich gekennzeichnet, so dass unklar ist, wen Ludwig Pfau als Mitarbeiter gewinnen konnte. Hin und wieder finden sich im ersten Jahrgang unter Gedichten die Initialen Hm Hm und F.M., es gibt einige Gedichte von Ed. Märklin, von Wörle und F. Nork (das ist Friedrich Korn). Auch die Beiträge von Theobald Kerner tragen dessen Namen, so auch sein Gedicht „Wie die Censur auf die Erden kam“, das in der Ausgabe vom 12. Februar 1848 erschien und in dem es unter anderem heißt: „Und in allen Städten sitzen, Die Gedankenfäden schnipfelnd, Mit der Schere die Censoren …“

Ludwig Pfau und Theobald Kerner kannten sich von Heilbronn und Weinsberg her. Der Sohn des Arztes und Dichters Justinus Kerner (den der kleine Ludwig für die elterliche Gärtnerei ja als Gemüse- und Blumenbote beliefert hatte) ging wie Ludwig Pfau aufs Heilbronner Karlsgymnasium, wenngleich zu bedenken ist, dass Theobald vier Jahre älter war. Im Gegensatz zu Ludwig Pfau engagierte sich Theobald Kerner gleich zu Beginn des Revolutionsjahres 1848 aktiv als demokratischer Volksredner und er war auch Hauptmann der Weinsberger Bürgerwehr. Bereits Ende September 1848 flüchtete er nach Straßburg, um einer Verhaftung zu entgehen.

Der brave Bürger, aus Nr. 39 vom 23. September 1848

Wichtigster Mitarbeiter des „Eulenspiegels“ war jedoch Julius Nisle, der bis zur Nr. 26 vom 24. Juni 1848 auch als Mitherausgeber genannt wird. Danach ist Ludwig Pfau der alleinige Herausgeber und „verantwortlicher Redakteur“. Von Julius Nisle stammt die Mehrzahl der (im wahrsten Wortsinn) treffenden und künstlerisch durchaus hochstehenden Illustrationen, die mit dazu beitrugen, dass der „Eulenspiegel“ so erfolgreich wurde. Der 1812 in Stuttgart geborene Zeichner hatte sich zuvor vor allem durch seine Bilderserien zu klassischen und zeitgenössischen Werken einen Namen gemacht. Inwieweit Pfau Einfluss auf die Karikaturen nahm – immerhin hatte er sich ja in Paris selbst mit Zeichnen befasst – und wie die Zusammenarbeit mit Nisle zustande kam, ist leider nicht überliefert.

Bis einschließlich der Nr. 44 vom 5. Oktober 1850 wird Julius Nisle im Impressum des „Eulenspiegels“ als Zeichner genannt, ab Nr. 28 vom 6. Juli bis zur Nr. 41 vom 5. Oktober 1850 ist er auch der verantwortliche Redakteur. Danach verschwindet sein Name aus dem „Eulenspiegel“, in dessen Impressum fortan kein Zeichner mehr angegeben wird (das spricht für Nisles bei Wikipedia vermuteten frühen Tod oder eine schwere Krankheit).

Wie der Michel auf (k)einen grünen Zweig kommt, aus Nr. 20 vom 13. Mai 1848 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Die Lieblingsfeinde des Eulenspiegels …
… das waren die selbstherrlich regierenden Fürsten, die ihre Macht auf das „Gottesgnadentum“ zurückführten und die im „Eulenspiegel“ unter anderem durch den „Gottesgnadenfritz“ repräsentiert wurden. Das „Gottesgnadentum“ war dann auch das Hauptargument, mit dem der preußische König Friedrich Wilhelm IV. das am 3. April 1849 von der Frankfurter Nationalversammlung angetragene Erbkaisertum ablehnte und der damit wesentlich zum Scheitern der Revolution von 1848/49 beitrug.

Aufs Korn genommen wurden auch die kleinen und die höheren Beamten, die als willfährige, untertänige Erfüllungsgehilfen das Volk drangsalierten und die dabei auf den eigenen Vorteil bedacht waren.

Und auch die konservativen Zeitungen wurden nicht zu knapp kritisiert, insbesondere der „Schwäbische Merkur“, die damals führende Zeitung im Königreich Württemberg. Der „Merkur“ nannte sich zwar liberal, war damals aber eher königstreu-konservativ und fungierte als Sprachrohr der Regierung.

Ein Abgeordneter des Zentrums, aus Nr. 37 vom 9. September 1848 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Sehr schnell gerieten auch die Abgeordneten der Frankfurter Nationalversammlung ins Visier des „Eulenspiegels“, allen voran natürlich die konservativen und liberal-konservativen. Eitel scheinen sie jedoch (fast) alle gewesen zu sein und boten damit dem „Eulenspiegel“ viel Angriffsfläche. Und auch das Parlament insgesamt wurde immer wieder kritisiert, da es viel debattierte, aber nur zögerlich Beschlüsse fasste. Dem schloss sich die Kritik am Bildungs- und Besitzbürgertum an, das zum Teil opportunistisch sein Fähnlein nach dem Wind hing und dessen revolutionärer Geist vom März 1848 schnell erlahmte.

Vom Revolutionär zur Schlafmütze, aus Nr. 13 vom 24. März 1849 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Enttäuscht zeigte sich der „Eulenspiegel“ auch über die sogenannten kleinen Leute aus dem Volk, die sich naiv und gutgläubig von der Obrigkeit für dumm verkaufen ließen und die zum Beispiel schnell bereit waren, den Ast abzusägen, auf den sie dank der Veränderungen zu Beginn des Jahres 1848 gekommen waren (so in der Ausgabe vom 13. Mai 1848 „Wie der Michel auf einen grünen Zweig kommt“). Besonders eindrücklich zeigt dies auch die ebenfalls im Filmclip zu sehende Karikatur von Julius Nisle zur Metamorphose des deutschen Michel, wie sie am 24. März 1849 erschien: Der revolutionär gesinnte Bürger mit Jakobinermütze und Revolutionskokarde aus dem Frühjahr 1848 entwickelt sich bis zum Spätjahr 1848 zurück zum braven, schlafmützigen Zeitgenossen.

Das Ende
Im Impressum des „Eulenspiegel“ wird Ludwig Pfau bis zur Nr. 52 vom 21. Dezember 1850 als Herausgeber genannt, obwohl er bereits im Juli 1849 in die Schweiz geflüchtet war. Als verantwortlicher Redakteur fungierte Pfau bis Anfang Juni 1849, als verantwortlicher Stellvertreter wird seit dem 30. Juni 1849 der Zeichner Karl Ludwig Weisser genannt. Nach dem kurzen Intermezzo von Julius Nisle ist ab Nr. 42 vom 11. Oktober 1850 Heinrich Schmidt der verantwortliche Redakteur und für die drei letzten Nummern zeichnete F. Binder verantwortlich. Im Sommer 1853 erschien der „Eulenspiegel“ zum letzten Mal – die (Zensur-)Behörden hatten endgültig gesiegt.

Kommentar zum Scheitern der Revolution im Juni 1849: Der Eulenspiegel wird sich nicht unterkriegen lassen, Nr. 27 vom 30. Juli 1849 (Stadtarchiv Heilbronn; L003h-R-21816)

Karl Ludwig Weisser übrigens wurde im Frühjahr 1850 wegen einer Karikatur, die im „Eulenspiegel“ erschienen war (jedoch nicht von ihm stammte), als verantwortlicher Redakteur der Majestätsbeleidigung für schuldig erklärt und zu acht Monaten Festungsarrest auf dem Hohenasperg verurteilt.

Ludwig Pfaus eindrücklicher Abgesang auf die Revolution – sein „Badisches Wiegenlied“ –, das heutzutage als Sinnbild der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848/49 vielfach reproduziert und verbreitet wird, erschien im „Eulenspiegel“ Nr. 50 vom 8. Dezember 1849. Vermutlich war dies Pfaus letzter Beitrag in der von ihm so erfolgreich begründeten aufklärerischen Satirezeitschrift. Mehr dazu im kommenden Videoclip zu Ludwig Pfau!

Ludwig-Pfau-Serie: zum vorigen Beitrag

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2 Kommentare zu „Ludwig Pfau – Der Eulenspiegel. Zum Pfau-Video vom 25. April 2021 (Ludwig Pfau 04/2021)

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