Die Taufe der Fotografie. Paris 1839. Zum Pfau-Video vom 25. März 2021 (Ludwig Pfau 03/2021)

Pfau-Videoclip 03/2021: Die Taufe der Fotografie

Heute geht es in unserer Ludwig-Pfau-Serie um ein welthistorisches Ereignis, das der junge Ludwig Pfau live miterlebt hat: Am 19. August 1839 stellte die Pariser Akademie der Wissenschaften öffentlich die Erfindung der Fotografie vor.

Was für eine riesige Sensation dies war, können wir vielleicht nachfühlen, wenn wir uns an die Präsentation des ersten iPhones im Jahre 2007 erinnern: Schlagartig tritt eine neue Technologie ans Licht, die unsere Kommunikation und unsere Lebensweise in kürzester Zeit grundlegend verändert.

Ludwig Pfau war von dem Ereignis selbst und von der Begeisterung der Menschen über diese neuen Möglichkeiten nachhaltig beeindruckt. Seine eigene Begeisterung ist deutlich zu spüren noch in einem Bericht darüber, den er rund drei Jahrzehnte später, um 1870, verfasste. Im Videoclip wird seine Schilderung in Auszügen originalgetreu nachgesprochen. Erfunden ist allerdings der Dialog zwischen ihm und dem Akademieprofessor: In Wahrheit stand Pfau in der Menschenmenge auf dem Vorplatz des Akademiegebäudes, dort aber immerhin in einer Gruppe „aus Leuten der Wissenschaft“. „Hier fühlte ich mich wenigstens dem Vorgange geistig und der Aufklärung physisch näher gerückt,“ schreibt Pfau. Für Historiker zählt seine Darstellung heute zum Quellenkanon über dieses epochale Ereignis.

Originalbericht von Ludwig Pfau über die Veröffentlichung der Fotografie am 19. August 1839. Der gesamte Bericht ist hier online nachzulesen.

Aber wie kam es, dass Ludwig Pfau genau zu diesem Zeitpunkt in Paris war? Der 17-Jährige weilte bereits seit dem Frühjahr 1839 in Frankreich. Nachdem er seine Schulzeit am Heilbronner Gymnasium abgeschlossen hatte, wollten seine Eltern ihn eigentlich zum Theologiestudium nach Tübingen schicken. Doch er weigerte sich wegen „religiöser Zweifel“, wie er selbst schreibt. Stattdessen arbeitete er zunächst in der Kunstgärtnerei seines Vaters. Über Geschäftsbeziehungen seines Vaters war er dann in eine Handelsgärtnerei in Corbeilles, nördlich von Paris, gewechselt.

Man kann sich vorstellen, wie die französische Metropole den jungen Heilbronner fasziniert haben muss. Besonders aber elektrisierten ihn wohl die Gerüchte, die bereits seit Monaten weit über Paris hinaus die Runde machten: Der Theatermaler und Diorama-Betreiber Louis Jacques Mandé Daguerre (1787-1851) habe es geschafft, die flüchtigen Lichtbilder einer camera obscura so zu fixieren, dass sie außerhalb der Kamera betrachtet und aufbewahrt werden könnten.

Tatsächlich war es Daguerre bereits im Sommer 1837 gelungen, die entscheidende Erfindung seines verstorbenen Geschäftspartners Nicéphore Niépce (1765-1833) erfolgreich weiterzuentwickeln. Er nannte seine Methode „Daguerréotypie“ und fotografierte erste Stillleben und Pariser Stadtansichten. Zwei dieser frühen Aufnahmen Daguerres aus dem Jahre 1838 sind im Videoclip zu sehen: Der Blick aus Daguerres Arbeitszimmer sowie die Aufnahme der Notre Dame, vor der unser Ludwig Pfau steht.

Eines der frühesten Fotos der Welt: Blick aus Daguerres Arbeitszimmer auf den Boulevard du Temple, 1838, der Öffentlichkeit präsentiert am 19. August 1839.

Die Pariser Gerüchteküche 1838/39 war auch das Ergebnis einer erfolgreichen Marketingkampagne Daguerres und seiner Unterstützer, zu denen neben französischen Gelehrten der Deutsche Alexander von Humboldt zählte. Ähnlich wie beim iPhone ist die öffentliche Präsentation der Fotografie sehr medienwirksam vorbereitet und umgesetzt worden. Und so konnte Ludwig Pfau tatsächlich aus der Zeitung erfahren, dass eine öffentliche Sitzung der Akademie der Wissenschaften für dieses Ereignis bevorstand, und sich rechtzeitig auf den Weg nach Paris machen, um sie live mitzuerleben. Von dem dichten Gedränge, das an diesem Tag vor dem Akademiegebäude und im Sitzungssaal selbst herrschte, berichten wie Ludwig Pfau auch viele Zeitungsartikel und andere Augenzeugen.

Das Gebäude, das im Videoclip den Hof und die Akademie der Wissenschaften darstellt, ist eigentlich das Palais Royal. Aufnahme von Louis J.M. Daguerre, 1839.

Im Unterschied zum iPhone war das fotografische Verfahren allerdings eine Art Open Source Projekt: Die französische Regierung hatte die Rechte daran Daguerre und den Erben von Niépce abgekauft und machte sie am 19. August 1839 „der Menschheit“ zum Geschenk. Bei der Sitzung der Akademie wurden das optisch-chemische Verfahren öffentlich erklärt und die Kamera von Daguerre sowie drei Daguerreotypien gezeigt.

Sofort nach der Sitzung seien die Läden der Optiker überrannt worden, schreibt Pfau in seinem Augenzeugenbericht, und nur wenige Tage später wären überall in Paris Amateurfotografen aufgetaucht. Das scheint eher eine literarische Verdichtung zu sein, hier darf man ihn nicht ganz beim Wort nehmen. Es dauerte wohl schon noch einige Tage, bis hinreichend genaue Anleitungen für den Kamerabau sowie Beschreibungen des chemischen Verfahrens publiziert waren. (Nähere Infos hierzu z. B. unter https://www.photobibliothek.ch/seite001e.html).

Die Veröffentlichung der Fotografie am 19. August 1839, zeitgenössische Darstellung der Akademiesitzung. (Quelle)

Doch als Stimmungsbild gibt sein Bericht die Atmosphäre in den Wochen und Monaten nach der Akademiesitzung sehr plastisch und lebendig wieder: In kürzester Zeit stürzten sich viele Menschen auf die neue Technologie. Sie erwarben die ersten Kameras, die Optiker in Windeseile zusammenbauten, oder bauten selber welche, und versuchten, Daguerres Verfahren nachzuvollziehen, bald auch zu übertreffen. Sehr rasch kam es dadurch zu zahlreichen technischen und chemischen Verbesserungen. Die allgemeine Aufregung und Aufbruchstimmung erhielt sogar eine eigene Wortprägung: die „Daguerreotypomanie“.

Nicht nur in Paris, in ganz Europa und sogar in Übersee breitete sich das Daguerresche Verfahren in Windeseile aus: Bereits am 24. August, also nur fünf Tage nach der Akademiesitzung in Paris, erschien in der Augsburger Allgemeinen Zeitung ein ausführlicher Bericht darüber. Mitte September entstanden die ersten Daguerreotypien in Berlin. Für Heilbronn finden sich die ersten Nachrichten knapp drei Monate später: Im Intelligenz-Blatt vom 6. Dezember 1839 verkündete ein Louis Schweig, „Mechanicus aus Paris“, im Aktiengartensaal einen „Daguerrischen Apparat“ vorzuführen und „Bestellungen auf Apparate“ anzunehmen.

Daguerreotypomanie, Karikatur von Theodore Maurisset, Dezember 1839 (Quelle)

Wie Schweig waren es zu Beginn vor allem reisende „Daguerreotypisten“, die für die Verbreitung der neuen Kulturtechnik sorgten. Im Mai 1842 gab dann der in Heilbronn ortsansässige Porträtmaler Emil Orth bekannt, dass er „Daguerrotyp-Bilder gegen billiges Honorar“ anfertige. Von ihm stammt, aus dem gleichen Jahr, die nach unserer Kenntnis älteste noch erhaltene Heilbronner Fotografie: ein Porträt des 28-jährigen Robert Mayer. (Mehr zu den Anfängen der Fotografie in Heilbronn in unserer Stadtgeschichte A-Z).

Doch zurück zu Ludwig Pfau in Frankreich 1839. Ob er damals selbst aktiv fotografiert hat? Er hätte wohl liebend gerne, aber ihm fehlte das Geld. So schreibt er: „Bald erschien auch eine Schrift, in welcher Daguerre sein Verfahren auf’s genaueste beschrieb, und da – o Schmerz! – mein Geld nicht zum Apparate reichte, kaufte ich die Broschüre, um wenigstens in Gedanken zu daguerreotypieren.“

Daguerreotypie von Robert Mayer (Stadtarchiv Heilbronn D032-642)

Sicher lag der Erwerb einer Kamera und des notwendigen Zubehörs damals weit über den finanziellen Möglichkeiten eines Handelsgärtnerei-Volontärs. Doch Pfau hatte in Frankreich bald richtige Geldsorgen, denn er gab seine Stelle in der Handelsgärtnerei in Corbeilles bald auf, „unbefriedigt von dieser doch mehr materiellen Thätigkeit“. 1840 zog er direkt nach Paris und widmete sich dem Studium der französischen Sprache, Literatur und Kunst sowie dem Zeichnen. Letzteres diente ihm bald als Lebensunterhalt, denn sein Vater war von diesem Schritt wenig begeistert und entzog ihm die finanzielle Unterstützung.

Selbstkritisch meint Pfau, zum bildenden Künstler nicht ausreichend Talent zu haben. Auch zwei erste Theaterstücke, die er in Paris verfasst, vernichtet er später. Im Frühjahr 1841 kehrt er zum Militärdienst zurück in die Heimat, anschließend arbeitet er wieder in der väterlichen Gärtnerei. In diese Zeit fallen seine ersten beiden Veröffentlichungen: „Über Botanik nach Claudius“ (1841, heute verschollen) und ein erster Gedichtband, der 1842 in Heilbronn erscheint.

Die Entwicklung der Fotografie hat Ludwig Pfau sein ganzes Leben lang mit großem Interesse weiterverfolgt. 1877 veröffentlichte er in seiner Publikation „Kunst und Gewerbe“ eine 180-seitige Abhandlung über die „Heliografie“; sie fasst zwei Abhandlungen zum Thema zusammen, die bereits 1870 separat erschienen waren (daraus auch sein Bericht von 1839). Darin bietet er einen Überblick über die verschiedenen Vorläufer und parallelen Entwicklungen zu der Erfindung von Niépce und Daguerre sowie über die anschließenden technologischen Weiterentwicklungen bis in seine Gegenwart. Mit Schwerpunkt auf fotografischen Druck- und Vervielfältigungsverfahren erläutert er chemische und optische Details, aber auch historisch-politische Hintergründe, die den Erfolg oder Misserfolg einzelner Entwicklungsstränge ausmachten. Dabei erweist sich Ludwig Pfau als profunder Kenner der Materie, der sich das Wissen darüber nicht nur aus Büchern, sondern auch aus eigener Anschauung in den Ateliers der Fotografen und den Werkstätten der Drucker angeeignet hat.

Warum ihm nicht nur die Fotografie selbst, sondern auch die darauf aufbauenden Drucktechniken so wichtig waren, wird im Schlusskapitel seiner Abhandlung deutlich. Darin erörtert er „das Verhältniß der Photographie zu den schönen und den vervielfältigenden Künsten“, um „die Rolle zu welcher die neue Erfindung bestimmt ist, vollkommen klar zu machen“. Dabei ist die Fotografie selbst für Pfau keine Kunst (viele seiner Zeitgenossen dachten ebenso). Lediglich einzelnen, besonders gelungenen Fotografien gesteht er eine ästhetische Wirkung zu. Doch als Vervielfältigungsmethode sieht er sie allen anderen Techniken überlegen.

Für Pfau, der sich inzwischen als Kunstkritiker einen großen Ruf erworben hatte, leistet die Fotografie wegen ihrer großen Exaktheit der Kunst „erhebliche Dienste“: indem sie flüchtige Augenblicke einfängt, die dem Künstler als genaue Vorlage dienen können, aber auch, weil sie Künstler „zu größeren Anstrengungen“ in der getreuen Wiedergabe treibe.

Ludwig Pfau, Daguerreotypie-Porträt von Karl Reutlinger, Karlsruhe, 1848. Bildrechte: DLA Marbach.

Den größten Wert aber bemisst Pfau der Fotografie in der Reproduktion von Kunstwerken bei. Er vergleicht ihre Wirkung mit dem Buchdruck, der einst die Exklusivität des geschriebenen Wortes beendet habe: Durch die Fotografie und ihre Vervielfältigung und Verbreitung könnten nun Gemälde, Monumente, Statuen, Reliefs, aber auch wissenschaftliche Zeichnungen etc. einer großen Masse der Bevölkerung zugänglich gemacht werden. Ganz Fortschrittsoptimist, verspricht sich Ludwig Pfau davon eine bessere Bildung der Menschheit. Und Bildung, hierin ist er ganz modern, war für ihn der Schlüssel zur Teilhabe an der Gesellschaft – eine Gesellschaft, die für ihn nur eine demokratische sein konnte.

Am 25. April 2021 geht es weiter zum Thema Pfau – Ciao!

Das Jahr 2021 steht (auch) im Zeichen von Ludwig Pfau, dessen Geburtstag sich heuer am 25. August zum 200. Mal jährt. In kurzen Videoclips stellen wir diesen eigenwilligen Revolutionär und Schriftsteller vor. Jeweils am 25. eines Monats erscheint ein neuer Clip. Hier im Blog verraten wir zum jeweiligen Video noch einiges über die historischen Hintergründe.

Ludwig-Pfau-Serie: zum vorigen Beitrag

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