Zwei Heilbronner Ehrenbürger: Was Theodor Heuss mit Ludwig Pfau verbindet. Zum Pfau-Video vom 25. Januar 2021

Ludwig Pfau, Porträt (StadtA HN E005-2037)

Das Jahr 2021 steht (auch) im Zeichen von Ludwig Pfau, dessen Geburtstag sich heuer am 25. August zum 200. Mal jährt. In kurzen Videoclips stellen wir diesen eigenwilligen Revolutionär und Schriftsteller vor. Jeweils am 25. eines Monats erscheint ein neuer Clip – klicken Sie sich rein unter: https://www.youtube.com/user/stadtheilbronn. Hier im Blog verraten wir zum jeweiligen Video noch einiges über die historischen Hintergründe.

Im Videoclip vom 25. Januar 2021 blicken wir hundert Jahre zurück, ins Jahr 1921. Wir sehen den späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss und seine Frau Elly Heuss-Knapp in ihrem gemeinsamen Arbeitszimmer in ihrer Berliner Wohnung. Theodor Heuss hat seiner Heimatstadt Heilbronn versprochen, beim Festakt zum 100. Geburtstag ihres Ehrenbürgers Ludwig Pfau die Gedenkrede zu halten. Die offizielle Feier findet am 25. August 1921 im Stadttheater statt. Nun muss die Rede her … Zum Glück hat sich Theodor Heuss schon vor längerer Zeit intensiv mit Ludwig Pfau beschäftigt: Als Redakteur der Zeitschrift „Die Hilfe“ hat er bereits 1912 (da war er 28 Jahre alt) in deren Jahrbuch „Patria“ einen längeren Essay mit dem Titel „Ludwig Pfau – Umrisse“ veröffentlicht.

Elly Heuss-Knapp steht ihrem Gatten als interessierte und kundige Gesprächspartnerin zur Seite. Beide sind intellektuell auf Augenhöhe. Elly ist eine moderne, berufstätige Frau, sie engagiert sich sozialpolitisch, hält deutschlandweit Vorträge und gibt Fortbildungskurse. Dass sie in unserem Video ein etwas altbackenes Kleid trägt, ist sicher der privaten Situation in der häuslichen Studierstube geschuldet. Eigentlich will sie an ihrem nächsten Vortrag arbeiten, doch Theodor zieht sie mit seinem Nachdenken über Ludwig Pfau so in seinen Bann, dass sie schließlich nebenher den Text für seine Rede entwirft … Nein, ganz so war es dann doch nicht: Der Text, den Elly am Ende aus ihrer Schreibmaschine holt und vorliest, könnte nicht nur von Theodor stammen, sondern er ist tatsächlich von ihm: größtenteils wörtlich aus seinem oben genannten Essay „Ludwig Pfau – Umrisse“ (Seiten 191-193 sowie Seite 205). Genauso wie viele der Sätze, die Theodor im Film über Ludwig Pfau sagt. Allerdings – der Schlusssatz zur Buffet-Eröffnung ist nicht verbürgt.

Im gleichen Jahr, in dem Theodor Heuss als Festredner auf der Jubiläumsfeier der Stadt Heilbronn auftritt, veröffentlicht er einen zweiten Essay zu Ludwig Pfau. Und auch in seinen anderen Publikationen taucht immer mal wieder der Name Pfau auf. Was faszinierte den späteren Bundespräsidenten und Staatsmann Theodor Heuss, einen Beamtensohn aus der bürgerlichen Elite, an dem „schwäbischen Radikalen“? An jemandem, den er selbst beschrieb als „… menschlich eine höchst seltsame Mischung von schwäbischer Verhocktheit und heimatloser Boheme“, und über den er urteilte: „Als Dichter war er weder originell noch groß“?

Zunächst gibt es tatsächlich eine persönliche Verbindung zwischen diesen beiden Heilbronner Ehrenbürgern. „Pfau war wohl der einzige Mann der Feder, den mein väterliches Haus mit einer persönlichen Freundschaft erreichte“, schreibt Theodor Heuss. Zwar lernt er den Schriftsteller nicht mehr persönlich kennen, aber in seiner Familie wird die Erinnerung an Ludwig Pfau hochgehalten: in Erzählungen; bei Spaziergängen zur Schmuckurne auf dem Heilbronner Hauptfriedhof; in der väterlichen Handbibliothek, in der Pfaus Bücher „vornean“ standen. Pfaus „Freie Studien“ sind die ersten Werke „der ernsthaften Literatur“, an die sich der zwölfjährige Theodor heranwagt, und sein „ästhetisches Vergnügen“ bildet sich an den zornig-sarkastischen Gedichten aus der Zeit der 1848er Revolution. Die Strophen vom „Gottesgnadenfritz“ prägen sich dem jungen Heuss besonders ein. All dies berichtet er 1912 in seinem Essay „Umrisse“.

Der von Heuss vielbewunderte Vater war Anhänger jener Volkspartei, die Ludwig Pfau einst mitbegründet hatte; ein Großonkel gehörte zu den badischen 1848er Revolutionären – die familiäre Prägung legte bei Theodor Heuss ein solides Fundament für seine demokratische Einstellung und politische Haltung. In seinem berühmten Ausspruch über Heilbronn: „Was hat mir diese Stadt gegeben? Demokratie als Lebensform“ steckt daher bestimmt auch ein Stückchen Ludwig Pfau. Während viele seiner Zeitgenossen in den 1848er Revolutionären nur Gescheiterte und Verlierer der Geschichte sahen, bricht Theodor Heuss in seinen Schriften immer wieder eine Lanze für die „alten Demokraten“. Mehr noch, 1948, nach dem Zusammenbruch des NS-Staates und in der Zeit der Suche nach einem politischen Neuanfang, beweist er anhand der 1848er den Deutschen, dass ihre Geschichte eben auch bedeutende demokratische Traditionslinien hat.

Im Arbeitszimmer der Familie Heuss hängt das Porträt von Ludwig Pfau über dem Sessel (Bildnachweis: Familienarchiv Heuss, Basel)

Wie sehr Theodor Heuss Ludwig Pfau in Ehren hielt, zeigt sich auch daran, dass ein Porträt des Dichters an der Wand seines Arbeitszimmers hing – und dass er sich bei seinem ersten Besuch in Heilbronn nach dem 2. Weltkrieg unbedingt selbst davon überzeugen wollte, dass sich Pfaus Urne noch auf dem Friedhof befindet. Doch es griffe zu kurz, in Pfaus Engagement als Revolutionär, Politiker und Demokrat den alleinigen Grund für diese Verehrung zu sehen. Beeindruckt zeigt sich Heuss, der selbst ein exzellenter Schreiber war, insbesondere von Pfaus pointiertem Schreibstil sowie von dessen kunstkritischen Schriften: „Er ist einer der ausgezeichnetsten Kunstkritiker gewesen, die Deutschland besessen hat.“

Und tatsächlich waren es eher Pfaus Leistungen als Schriftsteller und als Kunstsachverständiger, die ihm die Heilbronner Ehrenbürgerwürde eingebracht haben, weniger sein politisches Engagement. Zu diesem, das unbeugsam demokratisch, anti-preußisch und frankophil war, konnte der Heilbronner Gemeinderat nur geteilter Meinung sein. So fiel die Entscheidung, Pfau zum Ehrenbürger zu machen, erst nach heftiger Diskussion und nicht einstimmig. Im Gemeinderatsprotokoll wird notiert, die Ehrenbürgerurkunde solle seine Verdienste „als bedeutender Ästhetiker und vorzüglichem Stilisten der deutschen Sprache“ erwähnen.

Unbeachtet geblieben ist bisher, dass die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an Ludwig Pfau noch eine weitere Vorgeschichte hat. Denn nur zehn Monate vorher war ihm das Heilbronner Bürgerrecht zunächst entzogen worden! Der Grund war eine simple Routineangelegenheit: Pfau, der ja seit vielen Jahren gar nicht mehr in Heilbronn wohnte, hatte die Bürgersteuer nicht bezahlt. Zusammen mit rund zwanzig weiteren säumigen Zahlern wurde er deswegen am 2. Oktober 1890 aus der Bürgerliste gestrichen. Das allerdings traf ihn so sehr, dass er dagegen Einspruch erhob. Im Februar 1891 machte der Gemeinderat seinen Beschluss rückgängig, nachdem Pfau die Steuer nachgezahlt und dabei erklärt hatte, dass der Grund für sein Versäumnis immerhin eine Augenoperation gewesen sei.

Man kann spekulieren, ob die Ehrenbürgerwürde auch eine Art verspätete Wiedergutmachung für diesen Vorfall gewesen sein könnte … Genauso wie unser Video darüber spekuliert, dass Pfau aufgrund dieser Vorgeschichte recht schroff reagierte, als zu seinem 70. Geburtstag eine kleine Delegation des Heilbronner Gemeinderats vor seiner Stuttgarter Wohnungstüre stand. Wie seine Reaktion tatsächlich war, als die Delegierten ihm die Ehrenbürgerurkunde persönlich überreichten? Im Gemeinderatsprotokoll jedenfalls steht, dass er darüber „seine große Freude ausgedrückt habe“.

Verbürgt ist hingegen die feierliche Ansprache des Abgesandten: Sie stammt aus der Original-Grußadresse der Stadt, die bis heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrt wird. Und bestimmt gefreut haben wird sich Pfau über die stattliche Geldsumme in Höhe von 24.000 Mark. Diese kam allerdings nicht, wie in unserem Video, von der Stadt Heilbronn, sondern war von einem Freundeskreis gesammelt worden. Auf jeden Fall ermöglichte sie ihm, der trotz seiner vielfältigen Talente nie wohlhabend geworden war, einen sorgenfreien Lebensabend.

Am 25. Februar 2021 geht es weiter zum Thema Pfau – Ciao!

Szenenfoto aus dem 1. Ludwig-Pfau-Video

Hier geht’s zum Video: https://youtu.be/8sHRXtHuT30

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